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Williz Literarisches

Literarisches aus dem Hause Albin

siehe auch: Des Fadens ew'ge Länge - Aufzeichnungen

Nachfolgend die ersten Teilkapitel des bereits überarbeiteten Entwurfs zu einem Roman, der vorläufig den Arbeitstitel

Von Pfannen, Seelen und Quark
(oder auch: Quark ... endlose Qualen)

trägt, nach dem Motto: Am Ende kommt doch nur Quark heraus...

<- ...nicht nur Videos aller Art und Spiele, sondern auch Bücher gibt es bei Amazon.de zu bestellen ...

Gutes aus deutschen Landen - WilliZ Weblog

WilliZ Web-Tagebuch

Teil 1:

1 Bratfischpfannen & Frau Müller
2 Einlieferung & Doktorgespräche 1 & Schwester Gisela
3 Das Opfer
4 Bezirksleitergespräch 1 (Lehrsätze & Gegenstrategie)
5 Eingelegte Gurke
6 Zersägen bringt Regen

7 Bezirksleitergespräch 2 (Anwendung der Strategien)
8 Der Schlosswächter/Wachhund    [dieses Kapitel befindet sich noch in Arbeit]
9 Albus Vulcano 1 (Gedichte & Bilder)
10 Timing 1
11 Albus Vulcano 2 (Grund der Einlieferung)
12 Timing 2

Neon-Willi

 Viel Spaß beim Lesen wünscht Euch Wilfried Albin im Februar 2000.
Inzwischen habe ich auch die Kapital 8 bis 12 überarbeitet bzw. ergänzt - sie liegen hier zum ersten Mal vor. Januar 2001.

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1

„Bratfischpfannen, was soll ich mit Bratfischpfannen!“ Es ist kaum auszuhalten. Da soll ich mein Auskommen bestreiten als duselseeliger Handelsvertreter, und was bietet man mir an: Bratfischpfannen! Welcher Trottel kauft schon Bratfischpfannen. Da waren die Popelzieher der letzten Woche doch fast der Knüller! Sicherlich, losgeworden bin ich die auch nicht. Lediglich einem Blinder konnte ich so ein Ding andrehen. Aber ich konnte wenigstens mit einer von innen kommenden Überzeugung ans Werk gehen. Popelzieher, das war etwas Klares, Fassbares - nicht so eine Soße wie die irrsinnigen Bratpfannen, in denen der Fisch stinkend verbrät.

Was rede ich da aber auch wieder für einen Quark, den keinen interessiert. Jeder ist sich der Nächste. Und Bratfischpfannen interessiert keinen - mich auch nicht. Also weg mit dem Dreck. Notfalls suche ich mir einen neuen Job. Mit schiefem Schlips und abgestoßenem weißen Kragen in der Gegend herumzulatschen ist schnöde, aber schnöde ist das Leben an sich schon allein. Morgens in den halbblinden Spiegel mit verquollenen Augen zu blicken, sich das Kinn kratzend, die Haare voller Schlaf ... schnöde und blöde!

Ich sitze auf Bratfischpfannen und könnte damit meine Bude tapezieren. Ja, aufgehängt an Bilderhaken gäben diese Bratfischpfannen vielleicht noch etwas her. Vielleicht werden sie so dann doch der große Renner.

Ich kraule mir das Fell. Ein solcher Morgen hat etwas Widerliches an sich. Man kann sich nur fragen, wozu ein solches Leben Sinn bringt. Und am liebsten verfluchte man den Tag der eigenen Geburt und jeden Tag, der diesem folgte. Wie leicht bekommt man Depressionen.

Es wäre wohl sinnvoller, wenn ich mir einen vernünftigeren Job suchen ginge. Als Handelsvertreter bin ich den Repressalien eines Bezirksleiters ausgesetzt, der keinen Spaß verträgt und sich nur für Verkaufszahlen interessiert. Wenn ich vielleicht mit einem sensationellen Umsatz käme, dann würde er sicherlich auch über eines meiner kleinen Scherze lachen. Aber so ist er ganz der Verkaufsmensch, ohne eigentliches Zutrauen in die Fähigkeiten seiner Untergebenen. Das sind für ihn alles Flaschen, die einfach nicht begreifen, dass es nur auf die richtige Verkaufsstrategie ankommt und weniger auf das Produkt, das es zu verkaufen gilt. Und so paukt er uns die Lehrsätze seiner aus jahrelanger mit eigenem Körpereinsatz gewonnenen Erfahrung ein, die nicht viel besagen, außer dass man nur Überzeugungsarbeit zu leisten habe. Sein Schlagwort schlechthin: ÜBERZEUGUNGSARBEIT!

Vielleicht sollte ich bei mir selbst einmal anfangen mit der Überzeugungsarbeit. Wenn ich so in den Spiegel am Morgen gucke, da bin ich von nichts anderem so überzeugt, als von der Sinnlosigkeit jeglicher Überzeugung. Ja, wenn ich nicht selbst überzeugt bin, dann kann ich nicht andere überzeugen. Mir mangelt es am schauspielerischen Talent.

Ein solcher Morgen ist die Grausamkeit schlechthin. Da hilft kein Gedanke daran, wie es wäre, wenn ich noch im Bett in sanfte Träume gehüllt liegen würde. Da mag ich an das kommende Wochenende denken, selbst der nächste Urlaub ist so nah - und an diesem Morgen doch so fern. Fischbratpfannen! Endlich eine dieser monströsen, unförmigen Pfannen an den Mann oder an die Frau bringen - wie würde mich das aufrichten. Wie könnte ich mit einem Lächeln im Gesicht vor meinen Bezirksleiter treten, endlich den kleinen Teilerfolg vom Verkauf einer Bratpfanne vermelden unter dem Motto: Aller Anfang ist schwer! Aber ist der geschafft, so läuft der Rest wie von selbst (Auch das eines dieser üblen Lehrsätze, die ich nicht mehr hören kann)!

Also doch lieber den Job wechseln? Es hilft alles nichts! Ich muss irgendwie meinen Lebensunterhalt bestreiten - und bin eigentlich nur froh, keine quengelnden Kinder an den Beinen und keine keifende Frau am Hals zu haben. Frisch gewagt ist halb gewonnen (Auch dieses geflügelte Wort wird uns als Lehrsatz einer überaus erfolgreichen Verkaufsstrategie anempfohlen)! Schnell unter die Dusche, hinein ins frischgebügelte Hemd, die Krawatte umgebunden, das Jackett angezogen, schnell noch einen Schluck Kaffee usw. - und los geht’s! Hier komme ich, gnädige Hausfrau! Fisch ist gesund - und noch gesünder ist er, wenn er in einer dieser ganz speziell für das Braten von Fisch auf höchstem technischen Niveau und von allen Fischhändlern anerkanntem Standard entwickelten Bratpfannen gedünstet wird! Da kann man nicht nein sagen, da muss man einfach zugreifen!

Hinein in die Welt der Ökonomie! Zeit ist Geld! Und nur wer leben will, muss verkaufen! Oder: Wer leben muss, der verkauft! Und wer verkauft, der lebt! Und wer keine Zeit hat, der hat kein Geld! Nehmen Sie sich einfach die Zeit! Und die Bratfischpfanne ist die Ihre, Frau Müller! Und der Herr Gemahl wird es Ihnen danken! So bekömmlich brät kein Fisch! Da wird der Fisch in der Pfanne verrückt! Fisch stinkt! Aber nicht in diesen edlen Pfannen! Die paar Mark sind immer drin und lassen sich ohne weiteres vom Haushaltsgeld abzwacken! Geld stinkt nicht! Und ich muss ja auch von etwas leben! Nur eine Pfanne - und Sie machen mich zum glücklichsten Menschen des Universums! Und mein Bezirksleiter wird ‘s Ihnen vergelten! Lebenslange Garantie - mit Garantie, meiner persönlichen! Kaufen Sie, bitte, kaufen Sie, Gott vergelt’s! Kaufen! Geld! Leben! ... Sie sind immer noch nicht ÜBERZEUGT?! Ich brate selbst meine kleinen Brötchen in einer solchen Pfanne! Und meine Würstchen, ich kleines Würstchen! Wie recht Sie haben, alles ist Schrott! Aber ein Stück Schrott mehr oder weniger macht Ihnen garantiert nichts aus. Mich erhalten Sie aber am Leben! Ich will doch auch nur leben! Bestreiten Sie mir dieses Recht?! So eine sind Sie also! Kein Mitleid mit einem einfachen Handelsvertreter, der mühevoll ums Überleben kämpft. Einfach das Wasser abgraben! Das ist so leicht. Viel leichter wäre es, mir eine dieser verdammten Pfannen abzukaufen! Nötigung? Ich bitte Sie, ich bin in Not, wie wahr. Helfen Sie mir in der Not. Kaufen Sie ...?! - Ein Alptraum!

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2

Was dann kam, weiß ich nicht mehr so genau. Sicherlich habe ich mit der Pfanne zugeschlagen. Aber nur mit der flachen Unterseite, und auch nicht an den Kopf, sondern nur - platsch - auf den Rücken, als sich Frau Müller - oder wie immer diese Frau heißt - herumdrehte im Begriff, mir ihre Rückseite zuzuwenden, um mir nicht nur ihre Verachtung zu beweisen, sondern mit dem beabsichtigten Schließen der Tür das sprichwörtliche Tür-vor-den-Kopf-Knallen nachhaltig und nachhallend zu demonstrieren. Ich nenne das Notwehr.

Warum aber diese Jacke mit den langen Ärmeln, die man über Kreuz auf dem Rücken zusammenbindet? Wie gesagt: Genau erinnere ich mich nicht. Der ganze Frust brach hervor. Ein schriller Schrei entfuhr dem haifischzahnbesetzten, weit aufgerissenen Maul dieser Frau Müller. Die Pupillen der Augen im sich mir langsam, aber stetig zuwendenden Kopf weiteten sich auf erschreckende Weise. Es war fast zu befürchten, dass die blöden Augen aus dem Kopf springen könnten, um möglicherweise auf dem Fußboden des Flures hupfend und springend ein Eigenleben zu beginnen. Und dazu dieser nie enden wollende Schrei! Nachbarn stürzten sich in den Hausflur, als hätten sie nur auf diesen Schrei als Aufruf zur Verübung der Schandtaten gewartet, Schandtaten die ich über meinen Körper ergehen lassen musste. Ich wurde förmlich niedergemacht.

Weshalb ich in dieser Zwangsjacke landete, frage ich mich noch heute. Aber wahrscheinlich schien es den Helfern in den weißen Kitteln angebrachter, mich in eine solche zu verfrachten, als die Horde wildgewordener Anwohner. Ganz nach dem demokratischen Prinzip: Die Mehrheit hat immer Recht! Gleichzeitig hatte das eine Beruhigungswirkung, denn man sah mich gewissermaßen gut versorgt und kalt gestellt. Der eine oder andere meinte zwar noch, mir den einen oder anderen Tritt verpassen zu müssen, aber ansonsten ließ man von mir ab. Man führte mich tragend ab, denn durch alles war ich mehr ohnmächtig als bei Bewusstsein.

So entkam ich zwar der aufgepeitschten Ansammlung menschlicher Wracks, diesem blökendem Gesindel und dieser Herde debiler Hornochsen; dafür landete ich aber in den fürsorglichen Armen einer stattlich-staatlichen Nervenheilanstalt, die sich nach außen als normales Krankenhaus ausgibt, von allem aber einfach als Klapsmühle oder Irrenanstalt anerkannt ist. Ich also ein Irrer!

Die Wunden, die man mir schlug, sind verheilt. Aber meiner Freiheit, wenn es auch nur eine sehr eingeschränkte war, bin ich vollends beraubt. Ich sitze ein, wie man wohl sagt. Und in meiner Wohnung verstauben die Bratfischpfannen, setzen Rost an, verrotten gar oder werden im Großstadtdschungel wenigstens von wildem Gewächs überwuchert.

Kein Weg nach außen ist mir offen. Man hat mich zunächst mit Beruhigungspillen vollgestopft. Wahrscheinlich fürchtet man weitere Ausbrüche noch schlimmerer Art von mir. Damit kann und will ich nicht dienen. Ich will nur meine Angelegenheiten regeln. Meinem Bezirksleiter erklären, dass ich zur Zeit unpässlich bin, überhaupt verhindert, die mir anvertrauten Bratfischpfannen in den ökonomischen Kreislauf zu bringen. Man lässt mich nicht. Um meinem von den Pillen vernebelten Kopf kreisen weißbekittelte Männlein und Weibchen, die mir gut zureden und zu erklären versuchen, dass sich meine Angelegenheiten schon wie von allein regeln werden. Wo bin ich nur gelandet? Ach ja, im Irrenhaus! Ich bin schließlich nicht der ehemalige Bundeskanzler! Bei dem mögen sich die Dinge wie von allein erledigen haben, nicht so bei mir. Die kennen alle meinen Bezirksleiter nicht.

Wenn ich schön artig bin - wieso artig, bin ich ein Säugling? -, dann spricht auch der Herr Doktor mit mir. Denn irgendwie traut man mit zu, wieder auf dem Weg der Besserung zu kommen. Und so ganz verrucht, wie es zunächst schien, erscheine ich am Ende gar nicht zu sein. Der Bratpfannenschläger hat auch seine guten Seite. Er ist doch ein ganz patenter Typ, der gern den dritten Mann zum Skat stellt, mit dem man vielleicht eines Tages auch Pferde stehlen kann. Aber wer braucht heute noch ein Pferd.

So reduzierte man eines baldigen Tages meine Dosis an Beruhigungsmitteln, und der Herr Doktor nahm sich meiner an. Zunächst fragte er scheinbar ganz unbefangen nach den Umständen meines Lebens, was ich so mache, welche Vorlieben ich habe und wie es mir so bisher im Leben ging. Mich wunderte es, dass er sich keine Notizen zu machen anschickte. Ich hatte auch nirgendwo in seinem Zimmer Akten oder ähnliches entdecken können. Als ich aber einmal nach einem Gespräch nochmals ins Behandlungszimmer zurückkam, weil ich etwas liegen gelassen hatte, da saß er wie gebannt über meiner Akte und kritzelte wie besessen seine Notizen - ganz offensichtlich von unserem gemeinsamen Gespräch - aufs Papier nieder. Ich nahm meinen Kram und verließ auf leisen Sohlen den Raum. Ich denke er hat nichts gemerkt.

Dann kamen bald schon die gezielteren Fragen. Es mir gleich klar, dass er sich irgendwie einen Spickzettel mit Fragen zurecht gelegt haben musste. Denn bei den vielen Patienten, die er zu betreuen hatte, konnte er unmöglich alle Krankengeschichten im Kopf haben. Ich beantwortete seine Fragen nach gutem Wissen und Gewissen und versuchte herauszufinden, wo er seine Notizen versteckt hält. Ich wollte es nicht glauben, aber wirklich wie ein kleiner Schulbube, der eine Klausur schreibt, hatte er sich die Notizen auf die Handfläche seiner linken Hand geschrieben. Aufgefallen ist es mir an einem heißen Tag, als er sich eben mit der linken, leicht schwitzigen Hand am Ohr kratze, das plötzlich einen blass-blauen Farbton bekam.

Und zu den gezielten Fragen kamen bald Fangfragen, die mir signalisierten, dass er mir nicht alles glaubte, was ich ihm erzählte. Ich machte mir bald einen Sport daraus, ihn hinters Licht zu führen. Welchen anderen Sport sollte ich auch betreiben, war es mir weiterhin nicht vergönnt, die Anstalt von außen zu sehen. Wie im Gefängnis gab es zwar eine Art Innenhof, der war aber eben an allen vier Seiten durch Gebäude umzingelt, sodass ein Entkommen nicht möglich war.

So wurde die Gespräche mit dem Herrn Doktor für mich zunehmend interessanter. Es ging langsam ans Eingemachte. Er wollte wissen, mit wie viel Jahren ich begann zu masturbieren. Vor allem interessierte es ihm, welche Techniken ich dabei benutzte. Natürlich fragte er mich dann auch, ob ich auch jetzt noch der Selbstbefriedigung frönte. Ich dachte mir für ihn ganz raffinierte Handhabungen aus und konnte mich im Laufe der Zeit des Eindrucks nicht erwehren, dass er diese stilistischen Übungen an sich selbst erprobte. Er machte von Tag zu Tag einen matteren Eindruck auf mich. Als er eines Tages mit einem dicken Pflaster auf der Stirn zu einem unserer Termine kam, da war es eindeutig: Er hatte meine Kopfstand-Tischkanten-Methode ausgeübt!

Natürlich interessierte er sich für alle meine Frauengeschichten. Und da ich nicht wollte, dass er mich als Wichser abtut, habe ich ihm sehr Delikates aus meiner sexuellen Biographie erzählt. Vieles war rein erdichtet. Vieles zog ich aus der einschlägigen Literatur, die ich genossen hatte, die hier allerdings nicht zu haben war. Der Geifer lief ihm jedesmal aus dem Maul. Und der Eindruck täuschte nicht: Ich wurde zu seinem Lieblingspatienten!

Nicht immer war ich so gut drauf, nicht immer fielen mir die richtigen Erzählungen ein. So beschränkte ich mich aufs variieren. Aber auch das hatte seinen Reiz und ließ Spielchen wie das folgende zu: Hatte ich mit A die praktische Übung X betrieben, mit B dagegen die Methode Y angewandt, so ging ich jetzt mit A nach Y vor, während ich mit B die Behandlungsweise X probierte. Was zuvor mit A auf X-Art noch Schwierigkeiten bereitete, dass wurde so mit B zum Hochgenuss. Der Herr Doktor verstand vollkommen. Es kommt eben auch auf die Zutaten drauf an, und übt man X aus, so braucht man schon das Zubehör und das Beiwerk, das wohl nur B zu liefern im Stande ist.

Der Herr Doktor geriet mehr und mehr in Schweiß. So kam es immer öfter vor, dass er mitten in einer Sitzung von seinem Sitz aufsprang, zur Tür sprang und diese unpassend für dieses Haus, nämlich krachend zuschlug. Draußen vernahm ich dann meist ein Poltern und das Gekreisch einer Krankenschwestern. Und nach kurzer Zeit stand er - sichtlich befriedigt - in der Tür, die Haare zerzaust, den Kittel zuknöpfend, soweit die Knöpfe nicht abgerissen waren.

Natürlich war es für mich ein großer Spaß. Aber wie so oft wird aus Spaß schnell Ernst. Auch mich überkam ein gewisser Drang, den ich nicht länger zu unterdrücken im Stande war. Krankenschwestern haben schon ein einfühlsames Gemüt. Mit viel Seele und erstaunlichem Temperament ging die Schwester mit dem etwas prosaischen Namen Gisela ans Werk. Es gab da einen Raum, eher ein Kabuff, der wohl eigens für diese Zwecke eingerichtet war. Ob der Herr Doktor auch von dieser Räumlichkeit Gebrauch machte, weiß ich nicht. Das Zimmerchen war ein Schlauch mit einem Bett. Einem Krankenbett wie meines, in dem ich des Nachts schlief. Gleich hinter der Tür war dann lediglich noch ein Waschbecken. Ansonsten war kein Möbel in dem Raum. Das Bett war nicht mit Bettwäsche ausgestattet. Dafür lag aber eines dieser äußerst saugfähigen Einwegbettlaken, wie sie eben in Arztsprechzimmern benutzt werden, auf dem Bett. Hier fand also etliche Drangsal seine Sättigung und Erfüllung.

Schwester Gisela war sicherlich keine Schönheit. Eher wirkte sie etwas angestaubt und ihr Parfum war Chloroform. Aber in der Not frisst der Teufel Fliegen. Immerhin erkannte ich schnell, dass Schwester Gisela gewissen Praktiken nicht abgeneigt gegenüber stand. Und ich stellte auch bald fest, dass sie die mit mir ausgeübten Vorgehensweisen anderweitig erlernt haben musste. Der Herr Doktor ist also ein gelehriger Schüler.

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3

Neben mir gab es selbstverständlich noch andere Patienten, die, nachdem ich von ihren Krankengeschichten gehört hatte, sicherlich doppelten Grund hatten, hier in der Anstalt zu verweilen. So nach und nach lernte ich sie kennen, und es war mehr als unterhaltsam, ihnen zu lauschen, denn ihre Lebenswege waren doch sehr verschlungen. Es war in diesem Hause Sitte, jedem eine Art Spitznamen zu geben. Ich hatte sehr bald den Namen Pfannenschläger weg.

Ein etwas verschlossener Typ war ein ziemlich zivilisiert hereinblickender junger Mann, den man das Opfer  nannte. Ich hatte bereits von ihm in der Zeitung gelesen. Er hatte vor ungefähr einem Viertel Jahr seine Frau, den Vater von ihr und deren Freundin erschossen. Da er zum Tathergang keine klare Ausgabe zu machen im Stande schien, vor allem aber wegen des fehlenden Tatmotivs, hatte man ihn zur psychiatrischen Untersuchung in diese Anstalt gesteckt. Auch hier schwieg er sich zu dem Motiv weiterhin aus oder redete ziemlich abstruses Zeug. Sonst machte er einen eher lockeren Eindruck, so als wäre er höchstens Besucher denn Patient in diesem Hause.

Soviel konnte ich dann aber doch aus ihm herauslocken. Überhaupt war er wohl mir gegenüber weitaus redseliger als gegenüber Polizei und Ärzteschaft.

Das Opfer also lernte im Krankenhaus, wo er sich den Blinddarm entfernen ließ, eine junge Krankenschwester namens Annique kennen. Beide verliebten sich ineinander. Das Opfer, ein intellektueller und dabei durchaus talentierter Schriftsteller, bisher aber ohne größere Veröffentlichungen, so hauptberuflich als Buchhändler tätig, wagte es nicht, seine Liebe zu offenbaren.  Wie so manche Literaten litt er unsäglich an hochgradiger Schüchternheit. Annique aber, ebenfalls eher scheu, bekannte sich sehr bald zu ihrer Liebe zum Opfer. Beide erlebten dann wohl eine wunderschöne Zeit, allerdings ohne geschlechtlichen Verkehr, da Annique - beide planten zu heiraten - jungfräulich in die Ehe gehen wollte, wie sie wenigstens behauptete. Die Beziehung war mithin das, was man eine romatisch-traumhafte zu nennen pflegt. So ganz mag das zwar nicht in unsere Zeit passen, aber es soll ja solche Typen geben, die durch die Liebe im Hirn vernebelt ab der Gürtellinie taub werden. Wie auch immer.

Da eröffnete unsere kleine Krankenschwester eines Tages unserem Opfer, dass sie eine gemütskranke Freundin hätte, die sie im Krankenhaus nach einem Selbstmordversuch kennen gelernt hatte. Diese, ihr Name war Asta, hätte einen schwerreichen Vater, der u.a. als Mäzen für Künstler auftrete, zudem eine umfangreiche Bibliothek besitze, die er, das Opfer, wenn er es nur wolle, ordnen, katalogisieren usw. könne.

Annique wollte ihn nun partout dazu bringen, dieses Mädchen zu heiraten, damit er finanziell unabhängig wäre, um sich voll und ganz seinen schriftstellerischen Arbeiten widmen zu können. Sie wusste um seine liebevolle Zärtlichkeit (gerade die Schüchternen sind meist die besten Liebhaber), die er auch Asta gegenüber zeigen würde, zumal er und Asta charakterlich sehr verwandt scheinen, wie sie meine. Auch das Opfer neigte zu Schwermut, zeigte sich bisher recht labil.

Sie, Annique, behauptete, dass er sich, hätte er Asta vor ihr kennen gelernt, mit Sicherheit in diese verliebt hätte. Aus Liebe zu ihm gönne sie ihm diese Chance, zumal ihr auch das Glück von Asta sehr am Herzen läge.

Unser wehmütige Literat wehrte sich natürlich vehement gegen diese Anmaßung, war aber doch neugierig auf Asta geworden, beteuerte aber, allein sie, Annique, und keine andere über alles zu lieben und auf das Geld und die damit verbundene Unabhängigkeit zu verzichten. Sie ließ das Thema vorerst ruhen. Dann wurden er und Annique zu Asta und deren Vater eingeladen. Asta, voller Liebreiz, was immer das auch sein mochte, bekundete gleich von Anfang an, und das im Grunde unverhohlen, ihr großes Interesse an dem schüchternen Schreiberling, wenn sie sich auch in ihren Worten zurückhaltend äußerte. Unser Freund merkte es aber - oh, Wunder - und konnte sich aller vorherigen Beteuerungen zum Trotz dem Liebreiz nicht ganz entziehen. Trotzdem bestand er darauf, Asta nicht wiederzusehen, weil er eben nur Annique liebe und sich gegen ihre Pläne zur Wehr zu setzen trachtete.

Um es kurz zu rekapitulieren: X trifft A. Beide verlieben sich und wollen heiraten. X hatte eine Blinddarmoperation. So schont A als tätige Krankenschwester X. Blinddarmwunde und Sex vertragen sich nicht, noch nicht. Aber A kennt auch S, die lebensmüde ist. Und was liegt näher als der Wunsch A’s, dass X die S heiraten soll. Klar? Solche Art von Logik verdient, im Irrenhaus behandelt zu werden. Aber weiter:

Es entstand ein Schriftverkehr zwischen Annique, der Krankenschwester, und Asta, der Schwermütigen, indem diese ihrer Zuneigung zu unserem Opfer Luft machte, allerdings einsah, dass er und Annique wohl zusammengehören wie das Salz und das Meer, dass sie sich hier nicht einmischen wolle usw. Annique erzählte unserem Helden von diesen Briefen und erinnerte ihn daran, dass Asta gefährdet sei, ja, dass sie aus "Liebeskummer" u.U. eine Dummheit begehen könne.

Es kam dann, wie es kommen musste. Unser Held wurde das Opfer, indem er sich opferte und den Liebesdienst antrat, um Asta zu heiraten. Immerhin hatte er nun tatsächlich die Freiheiten, um schriftstellerisch zu arbeiten. Der Job als Bibliothekar in der schwiegerväterlichen Büchersammlung sicherte ihn seine weitere Existenz, war dabei alles andere als stressig und zeitraubend. Aber er bekam nichts zustande. Irgendwie war er innerlich blockiert. Asta war zwar ganz nett und verständnisvoll zu ihm. Aller Schwermut schien von ihr gefallen zu sein. Also kein Gedanke an Selbstmord und ähnlichem. Aber dem Opfer gelang es einfach nicht, schriftstellerisch zu arbeiten. Er musste immer wieder an Annique denken. Wenn er sie sah, packte es ihn, das große Begehren, geradezu.

Aber er wollte sich selbst keine Blöße geben und hielt an seine neue Rolle als Ehegatte fest, ohne sich von den außerehelichen Verlockerungen verführen zu lassen. Aber so ganz bekam er es dann wohl doch nicht unter Kontrolle. Wenn man an die eine Frau denkt und soll mit einer anderen schlafen, dann haut das meistens nicht hin. So versagte er in der Hochzeitsnacht, was Asta als nicht so schlimm akzeptierte. Er bat sie um Bedenkzeit, was sie verstand und eher gelassen hinnahm.

Innerlich war unser verhinderter Schreiberling aber fest entschlossen, sich Asta gegenüber zu verweigern. Sein ganzes Verlangen galt Annique, aber die inneren Skrupel hielten ihn von Annique zurück. Diese war aber ihm gegenüber ganz offen. Ganz unverhohlen machte sie ihm Avancen und stellte sich für ein Schäferstündchen bereit. Er hatte aber Angst, dass er mit einer einmal begonnenen Affäre Asta im wahrsten Sinne des Wortes tödlich verletzten könnte. In diesem Hin und Her wurde er im Inneren zerrüttet, sodass er mit seinen Gefühlen auf der einen Seite und seinen sich selbst auferlegten Verpflichtungen ganz schön auf den Hund kam.

Wie sollte es auch sonst sein in diesem Irrsinnsspiel: Asta drohte ganz offen mit ihrem Tod, falls sie erfahren sollte, dass er ein Abenteuer mit Annique habe, dass er seinen Schlägel in ihren Schaft gesteckt haben sollte. Diese aber lockte verstärkt mit ihren Reizen. Er könne alles mit ihr machen, was sein Herz sich ersehnt. Und Asta tyrannisierte ihn mit ihren Drohungen. Die begonnenen Arbeiten in der Bibliothek des Schwiegervaters vernachlässigte er zunehmend. Überhaupt ging er ihm aus dem Weg, da dieser ihn geradezu penetrant mit seiner wiederholten Frage nach Nachkommenschaft/Erben nervtötend tyrannisierte.

Unser Opfer war nun wirklich zum Opfer geworden. Er wand sich von allem immer mehr ab, zermarterte sein Gehirn, konnte aber seine Lage nicht begreifen. Alle drei (Annique, Asta und der Schwiegervater) bedrängten ihn mit ihren Fragen, Drohungen und Verlockungen. A. brach nervlich zusammen, er war den Anforderungen nicht mehr gewachsen ...

Natürlich kann man am Ende die Frage stellen, wessen Opfer er geworden war. Sicherlich spielten seine eigenen Gelüste, aber auch Skrupel, eine nicht unwesentliche Rolle. Er schien aber auch ganz beabsichtigt in diese Rolle des Opfers gedrängt worden zu sein. Manche Mitglieder bestimmter gesellschaftlicher Schichten machen sich gern solche Scherze mit anderen, besonders sensibel veranlagten Naturen. Diese Spielart von Psychoterrror gehört zur Freizeitgestaltung.

Das ernste Ende des Spiels kam auf jeden Fall dann bald. Vom Ergebnis können wir in den Tageszeitungen nachschlagen und lesen. Wie es tatsächlich war, weiß nur das Opfer selbst. Aber soviel habe ich dann doch in Erfahrung gebracht: Annique, Asta und ihr Vater saßen zusammen beim Essen und prosteten sich zu. Es schien, dass sie einen Sieg zu feiern hätten. Da trat ganz still und leise unser Mann mit einer Pistole in der Hand auf. Er hörte noch Sprachfetzen, die ganz offensichtlich die Verhöhnung seiner Person zum Inhalt hatten. Es fiel auch das Wort vom psychologischen Krieg, der gewonnen war. Irgendwie kam dann sein großer Monolog im hamlet'schen Sinne. Irgendwie faselte er von Liebe und Liebesschwüren und all dem Zeug, dass wohl an dieser Stelle in einer solchen Situation zu sagen ist. Dann erschoss er die drei entsetzt Hereinblickenden.

Er rief dann gleich die Polizei an, um sich als Täter zu stellen. Nach ersten polizeilichen Untersuchungen zur Tat, zum Tathergang und vor allem zur Vorgeschichte und damit zum Motiv der Tat, nach nur wenigen Tagen in Untersuchungshaft hat man ihn nach hier verfrachtet. Der Polizei war alles völlig unklar. Das Motiv war nicht ausfindig zu machen; dazu schwieg sich der Täter beharrlich aus, oder er redete absurder Zeug. Ansonsten machte er, wie bereits erwähnt, dem ermittelnden Kommissar gegenüber einen eher vernünftigen Eindruck. Aber da kann man sich eben täuschen. Somit die Unterbringung zur weiteren Untersuchung im Irrenhaus.

Da die Polizei bisher so dämlich war und nicht verstand, den wahren Hintergrund der Tat aufzudecken, musste es ihr allerdings äußerst absurd erscheinen, was unser Meister dazu zu sagen hatte. Mit gegenüber äußerte er sich ähnlich abwegig. Im Zusammenhang aber mit seiner Geschichte, die ich nun ja kenne, ist es weitaus weniger aberwitzig, berücksichtigt man dabei auch noch zusätzlich die etwas spinnernde Denkweise des Probanden.

Danach hat er sich von allen dreien befreit, nimmt auch noch Schuld auf sich (was sollte der Tod dreier Menschen beim Täter auch bewirken), um in den freien, unschuldigen und reinen Raum eintreten zu können (er meint damit aber hoffentlich nicht dieses Irrenhaus). Zuvor lebte er allerdings in einer unfreien, eben schuldigen und unreinen Umgebung. Dabei machte er sich selbst aber nicht schuldig. Durch den Rundumschlag, womit er dann allerdings sich auch schuldig machte, kam er von der Ausschweifung, dem Sündenbabel, das wohl Annique verkörperte, kam er vom göttlichen Strafgericht (Asta) und der gespielten Sittsamkeit, der bürgerlichen Konvention eines Schwiegervaters los. Die Tat also als Befreiung (auch wenn er jetzt einsitzt). So befremdlich das klingt, ich finde es durchaus einleuchtend. Aber ich sitze ja wohl doch nicht umsonst als Patient in dieser Anstalt.

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Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, dass man so freundlich zu mir ist. So langsam hat man sich wohl von der Ungefährlichkeit meiner Person und der charakterlichen Stärke, die ich nun einmal strotzend ausstrahle, überzeugt. Das heißt natürlich noch lange nicht, dass man meine Entlassungspapiere zu unterschreiben bereit ist. Noch zahlt die Krankenkasse, noch ist ein belegtes Krankenhausbett ein einträgliches Geschäft. Aber für mich stellt sich schon die Frage nach meiner Zukunft. Als Handelsvertreter weiter zu arbeiten, kann ich wohl vergessen. So dachte ich zumindest, bis, ja bis mich eines schönen Tages mein Bezirksleiter mit Blumentopf und besten Empfehlungen der Direktion besuchen kam. Ich wusste gar nicht, dass er so freundlich sein kann. Natürlich hatte er seine Absichten oder besser: Die Direktion hatte ihre Absichten, die er mir gegenüber vertreten sollte. Irgendwie hatte die gute Frau Müller nicht nur Strafanzeige wegen Körperverletzung gegen mich erstattet, sondern war dabei, einen Schadenersatzprozess gegen die Firma anzuleiern, die mich nun einmal in unverantwortbarer Weise angestellt hatte.

Meinem Bezirksvertreter war dabei sicherlich recht mulmig zumute, zumal er nicht wusste, was der Firma am besten dienen konnte. Wenn ich wirklich dauerhaft plem-plem wäre oder einfach nur einen Ausraster hatte. So lief der ganze Besuch unter dem Motto Sondierungsgespräch ab. Man erkundigte sich nach meinem Befinden. Man fragte nach, was man für mich am besten tun könne. Man war besorgt. Man war guter Dinge, dass ich bald wieder auf dem Damm wäre. Man wolle alles für mich tun. Man würde schon eine Regelung zu aller Zufriedenheit finden. Man, man, man ... Man, oh, man!

Ich kam mir vor, als wolle man mir etwas andrehen. Vielleicht eine Bratfischpfanne. Ich ließ ihn zappeln. Jetzt war die Gelegenheit gekommen, einmal ihn wie eine Marionette hängen zu lassen. Sollte er mir beweisen, wie gut er seine Sache gelernt hatte. Na, taugen Ihre Lehrsätze wirklich etwas? Beweisen Sie mir einmal, wie gut sie im Stande sind, Überzeugungsarbeit zu leisten:

Lehrsatz eins: Die Verkaufsstrategie ist wichtiger als das Produkt! Da man Dich zu mir geschickt hat, muss allein das Produkt schon sehr wichtig sein.
Lehrsatz zwei: Aller Anfang ist schwer; ist der geschafft, so läuft der Rest von selbst! Da helfen Blumen wenig.
Lehrsatz drei: Überzeugung tut Not! Das müsstest Du doch draufhaben.
Lehrsatz vier: Frisch gewagt ist halb gewonnen! Wisch Dir erst einmal den Schweiß aus dem Gesicht.
Lehrsatz fünf: Zeit ist Geld; wer sich keine Zeit nimmt, der nimmt auch kein Geld ein! Zeit haben wir. Fehlt nur noch das Geld.
Lehrsatz sechs: Das angebotene Produkt als einmalig darstellen! Richtig, das ist meine Chance.

Da hilft nur eine Gegenstrategie, etwa wie die folgende:
Zu eins: Das Produkt muss schon sein Geld wert sein; da hilft kein so freundliches Gerede
Zu zwei: Nicht nur der Anfang ist schwer; dann wenn Du denkst, Du hast es geschafft, wird es besonders schwer!
Zu drei: Selbst drei Elefanten überzeugen mich nicht; selbst geschenkt ist noch zu teuer!
Zu vier: Frisch gewagt ist halb gewonnen, aber auch halb verloren!
Zu fünf: Auch meine Zeit ist Geld. Ich höre schon das Geld klimpern!
Zu sechs: Alles oder nichts ist einmalig; wenn Du denkst, Du kannst etwas von mir wollen, so liegst Du falsch; ich will was von Dir!

Zunächst dankte ich ihm ganz artig für seinen Besuch. Statt Blumen hätte ich allerdings einen Sack Pralinen, und eine Stange Zigaretten wäre auch nicht schlecht, sagte ich ihm. Er guckte irritiert. Dann gab ich ihm gleich auf, auch die Herren Direktoren von mir zu grüßen, wenn auch unbekannterweise. „Aber die werden mich ja noch kennen lernen!“ Er guckte noch irritierter.

Dann erkundigte ich mich nach seinem Befinden und dem Befinden meiner werten Kollegen. Oh, allen ginge es gut, und ihm ginge es auch nicht schlecht, obwohl und naja und sowieso. Ja, Herr Bezirksleiter, das Leben ist hart.

Zuletzt konnte ich mir nicht verkneifen nachzufragen, wie es mit dem Verkauf der Bratfischpfannen stände. Die Antwort war ziemlich ausweichend, wie ich fand. Ich hatte aber den Eindruck, als liefe es nicht so berauschend. Und überhaupt wollte man wohl bald auf andere Produkte umsatteln.

Ich ließ ihn also zunächst einmal auflaufen. Sein anfängliches Mulmigsein sollte durch erweiterte Irritation verstärkt sein. Als er wohl noch einen Anlauf machen wollte, um zu einer halbwegs befriedigenden Antwort seiner Fragen und die der Direktoren zu kommen, gab ich ihm einfach die Hand, sagte ihm, dass ich jetzt einen Termin bei meinem Onkel Doktor hätte, drückte ihm den Pflanzentopf in die Hand mit den besten Empfehlungen von mir an Frau Müller, sie hätte Trost und Beistand nötiger als ich, ich, der sich so unritterlich an ihr vergangen hätte - und verabschiedete mich.

In der Türe drehte ich mich noch einmal um, sagte: „Sie kommen doch sicherlich wieder. Ich brauche Sie. Ohne Sie habe ich keinen!“ und verließ den Raum. Und ob er wiederkommt.

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Unter all den Ent- und Verrückten, zumindest Halbverrückten, gab es einen schon etwas betagteren Herren, den man die eingelegte Gurke nannte. Ich dachte mir gleich, dass der Name von seiner magisch-manisch zu nennenden Vorliebe für sauer Eingemachtes stammte. Der eigentliche Ursprung war dann aber in der Lektüre eines Buchs von Jean Giraudoux mit dem Titel Die Auserwählten zu finden, so erzählte mir zumindest mein Anstaltsarzt, der Herr Doktor, der auch die eingelegte Gurke therapeutisch behandelte, als ich ihn einmal fragte. Zum Inhalt des Buchs kann ich nicht viel sagen; die Anstaltsbibliothek hat es nicht in ihrem Verzeichnis. Die eingelegte Gurke wollte sich dazu auch nicht äußern, vorerst zumindest nicht. Ich fand dann aber in einem Aufsatz von Jean-Paul Sartre in dem Buch Der Mensch und die Dinge den folgenden Abschnitt, der vielleicht zur Klärung beitragen könnte:

„ ... Das Buch (Die Auserwählten von Giraudoux) besteht aus Ruhepunkten. Ein Glas mit eingelegten Gurken ist nicht der zufällige äußere Aspekt, den ein Wirbel von Atomen annimmt, sondern ein Ruhepunkt, eine über sich geschlossene Form; ...“

Viel sagt das nicht aus. Aber da schon Sartre im Spiel ist, muss es sich um etwas Philosophisches handeln, also um Fragen nach Sinn und Zweck des Lebens. Was hat aber eine saure Gurke mit der Sinnfrage zu tun? Man bedenke: Wir befinden uns im Irrenhaus! Trotzdem wollte ich es genauer wissen, zumal ich davon ausgehe, dass z.B. Sartre nicht ins Irrenhaus gekommen ist, er aber trotzdem von besagten Gurken zu schreiben wagte. Es muss etwas dran sein: Sinn und Gurke!

Spontan entsann ich mich, dass gerade schwangere Frauen oft merkwürdige Vorlieben entwickeln, wenn auch nur zeitweise. Dazu gehört immer wieder die Vorliebe für saure Gurken. Wir kommen also hier einen kleinen Schritt weiter: Entstehung des Lebens und Gurke! Und außerdem sollten sich Schwangere schon etwas mehr schonen, des Kindes wegen. Von einem Glas sauer eingelegter Gurken scheint eine beruhigende Wirkung auszugehen (Sartre spricht ja von Ruhepunkt). Was mag der Grund sein?

Gurken sind grün. Wir umgeben uns gern mit Grünem, in erster Linie Pflanzen. Ein Zimmer, in dem viel Grünzeug steht, hat bestimmt etwas Anheimelnderes als jeder andere Raum. Mit Grünem holen wir uns die Natur ins Haus. Gurken sind nicht nur grün, sondern gehören darüber hinaus auch zur Flora (vielleicht sollte man sich in sein Zimmer jede Menge Gläser mit sauren Gurken stellen). Zudem sind sie sauer eingelegt, also in Essig. Mit Essig wird ganz allgemein auf umweltfreundliche Art gereinigt (besonders Fliesen eignen sich hierfür). Mithin geht vom Essiggeruch eine Wirkung aus, die Sauberkeit, Reinheit, ja eine gewisse Unschuld vermittelt. Damit also auch wieder der Hinweis auf Ruhe und Entspannung. Aber Sartre geht noch weiter und schreibt vom Glas Gurken als eine über sich geschlossene Form. Man beachte dabei das Wort über.

Über das über bzw. über das Über-sich-geschlossen-Sein lässt sich sagen, dass das Glas oben eine Öffnung hat, die mit einem Deckel verschlossen ist. Das gebietet der schnellen Verderbnis Einhalt. Allerdings unterbindet der Verschluss auch das Ausströmen des Essiggeruchs, die Verwirbelung der Atome, um mit Sartre zu sprechen, also der essigsauren Moleküle, was die Suggestion von Sauberkeit usw. beeinträchtigt, wenn nicht gar unterbindet (auch wenn sich in einem Glas zu den Gurken in unserer Vorstellung aus unserem Wissen heraus Essigwasser gesellt).

Unter geschlossener Form ist aber noch etwas anderes zu verstehen. Es geht um eine Form, also um etwas Äußeres, das bestimmte Konturen besitzt, die als geschlossen zu gelten haben. Geschlossen ist etwas, wenn es gewissermaßen fest, zusammen, ja eigentlich nicht zugänglich im Sinne vielleicht von unabänderbar ist. Ungangssprachlich fallen mir da Begriffe wie zu oder alle (alle balle Hühnerkralle!) ein. Zu bedeutet aber nicht nur geschlossen, sondern als Präposition, also Verhältniswort, verweist es in eine Richtung, ist also richtungsweisend. Und als Vorsilbe umschließt es viele Eigenschaften (zusammen, zugehörig usw.). Das Wort alle stammt von alles und ist somit ein Begriff des Ewigen. Eine geschlossene Form ist etwas Endgültiges oder auch etwas Ursprüngliches. Die geschlossene Form als Urform. Als Urbild. Mithin das Archetypische.

Mit diesen Überlegungen versuchte ich mit der eingelegten Gurke in ein Gespräch zu kommen. Wie so häufig saß er im Aufenthaltsraum schmatzend über ein Glas Gurken, hatte gerade die letzte Gurke mit Zeigefinger und Daumen der linken Hand aus dem Glas herausgefischt, die Gurke zunächst abgelutscht, indem er sie in Gänze im Mund verschwinden, sie dann aber mit einem Blopp herausfahren ließ, knabberte nun in kleinen Bisschen an ihr herum, um sie am Ende mit einem kräftigen Schluck Essigwasser direkt aus dem Glas getrunken herunterzuspülen. Er belutschte noch schnell seine Finger. Ein Rülpser beendet das Mahl.

Bei dem Anblick, das mir mein Gegenüber bot, verblasste das Ruhe, Sauberkeit und Reinheit vermittelnde Bild der Gurken meines Nachdenkens. Mir fiel nichts mehr ein. Ich fragte nur noch: Schmeckt ‘s! und bekam zur Antwort: Es hat geschmeckt!

Welch logische Konsequenz! Er hat gegessen, also hat es bereits geschmeckt und kann nicht mehr schmecken (hatte er nicht aufgestoßen, dann muss es ihm doch sauer hoch gekommen sein - also: muss es ihm auch jetzt eigentlich noch schmecken; oder munden ihm die Gurken etwa nicht; isst er sie nur deshalb, um seine philosophischen Ansichten buchstäblich in sich hineinzustopfen? Deshalb auch sein ausdauerndes Schweigen? Hat er überhaupt irgendwelche Ansichten philosophischer Art? Ist er vielleicht nicht doch nur ein kleiner, alter, abgedrehter und abgewichster Spinner, der zurecht im Irrenhaus einsitzt?).

Ich unternahm einen letzten Versuch, Anlauf und: Die Welt kennt keine ... Wirkung eines vorhergehenden Zustands, zitierte ich Sartre aus dem erwähnten Artikel. Aus essigsauren Augen tröpfelten dem alten Wicht leise Tränen.

„Der Zustand definiert sich aus Form und Inhalt“, wagte ich nicht zu hören. Aber doch: Er spricht! Er kaut nicht nur auf Gurken, nein, die eingelegte Gurke spricht mit mir, wenn auch noch ganz leise und räuspernd. Dann wurde seine Sprache von Augenblick zu Augenblick klarer und klarer, fast so klar wie seine Gedanken: „Die Form bildet das Äußere. Sie ist das Gepräge, die Machart, also Hülle, oder um es im menschlichen Sinne auszudrücken: Sie ist Haut! Als Muster mit ihr eigenen Konturen stellt sie das Urbild dar. Sie ist Urform, Grundmodell, also Archetyp und letztendlich Ideal, um den Inhalt aufzunehmen. Der Inhalt ist das Innere. Als Füllung der Form ist es Gehalt und gibt ihr Substanz. Es ist Kern!

Was die Wirkung anbelangt, so kennen wir die Wirkung aus der Ursache heraus. Keine Wirkung, die nicht ursächlich ist. Dabei ist die Ursache der Grund, also der Nährboden, der als Wirkung Einfluss nimmt. Wie Ursache und Wirkung sich gegenüberstehen, so ist Anlass und Anziehungskraft in Verkörperung von Reiz und Verlockung ein Paar - oder Antrieb und Atmosphäre.

Ein Zustand als Form und Inhalt kann ursächlich bewirkt werden, wodurch sich die Form oder der Inhalt oder beides verändern. Ein neuer Zustand entsteht. Den Zustand vor diesem Zustand, also der alte, beschreibt man als den vorhergehenden Zustand. Nur zur Wiederholung: Die Wirkung, die den vorhergehenden Zustand in den neuen verändert hat, ist ausgelöst durch eine Ursache, z.B. durch dritte entfacht. Es stellt sich an dieser Stelle die Frage, wer oder was Ursache ist, die bewirkt. Kann es ein Zustand als Form und Inhalt selbst sein?

Wenn ja, dann geht von einem Zustand Wirkung aus. Durch Ursache. Wenn nein, dann ist der Satz: Die Welt kennt keine Wirkung eines vorhergehenden Zustands Unsinn. Bejahen wir also die Frage. Und nichts spricht dem entgegen (Der Mensch als Zustand bewirkt ursächlich, z.B. indem er Anlass zu Auswirkungen ist oder indem sein Antrieb Kräfte freisetzt). Die Welt ist Zustand. Ein Zustand, der sich fortlaufend ändert. Wird die ursächliche Wirkung, die den vorhergehenden Zustand in einen neuen Zustand ändert, nicht erkannt, was der besagte Satz andersherum beinhaltet, dann kennt der Zustand sich als vorhergehender Zustand nicht. Oder auf den Satz bezogen: Die Welt kennt sich nicht im vorhergehendem Zustand. Die Wirkung, die zur Änderung führte, wird nicht als verändernde, somit erneuernde Kraft erfasst. Die Welt kennt nicht die Welt, kennt keine Wirkung, die die Welt verändert, kennt letztendlich sich selbst nicht als neue Welt, als neuer Zustand, der durch wirkende Ursache den neuen Zustand bedingt. Usw.“

Und so weiter. Ich ging schnell ein neues Glas eingelegter Gurken holen. Stellte sie ihm auf seinen Platz. Begierig stürzte er sich darauf, knackte gekonnt den Verschluss, hob den Deckel an, angelte sich die erste Gurke, um sie zuerst ablutschend, dann mit spitzen Zähnchen kauend zu verspeisen. Eine zweite, dritte Gurke schob er in gleicher Weise nach. Mit vollem Mund vernahm ich noch:

„Was wir brauchen, sind zeitlose Formen, in die wir die ursprünglich erhaltene Substanz, die von diesem Zustand erhalten ist, gießen können. Nur so kann der unendliche Kreislauf von Ursache und Wirkung aufgehoben werden. Sagen Sie nicht, das wäre Starre, Versteinerung! Oh, nein! Die Substanz, also der Kern allem, ist nicht aus Stein. Wie sollte er sonst in die Form passen, wenn nicht gegossen. Und Gießen heißt Fließen! Gut, Fließen wird durch Kräfte verursacht, ist also Wirkung. Aber es ist die letzte, sagen wir ruhig: göttliche bewirkende Ursächlichkeit! Was dann kommt ist die Rückkehr zum Ursprung. Die Urform, das Ideal, als Archetypus birgt die göttliche Füllung. Wir bräuchten keinen Grund mehr, der Reize ausübt. Alles glättet sich gewissermaßen. Der Urzustand ist erreicht. Es gibt keinen vorhergehenden Zustand mehr, der wirkt. Alle Ursache und Wirkung, ich wiederhole es gern, ist aufgehoben! Glauben Sie mir!“

Jetzt wusste ich, weshalb er hier war. Mir klangen die Ohren. Wie gut, dass auch ich in Behandlung war.

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 6

Es hat schon was - ein solcher Aufenthalt in einem Irrenhaus. Die Leute, denen man hier begegnet, sind weitaus interessanter als die, die man sonst auf der Straße trifft. Durch meine Arbeit als Handelsvertreter bin ich Typen begegnet, die es an Skurrilität sicherlich mit meinen Leidensgenossen hier im Hause aufnehmen können. Aber so pur und somit unverdünnt bekommt man die Absonderlichkeiten menschlichen Seins nur hier serviert.

Wovon ich aber jetzt zu vermelden habe, ist eine Geschichte, eine im wahrsten Sinne des Wortes lüsternd-schaurige Mordsgeschichte, die mir ein hoch in den Jahren stehendes Männlein erzählte und die sich etwa um die Jahrhundertwende, also um 1900, ereignet haben soll. Es ist die Lebensgeschichte eines seiner Verwandten, ein Onkel oder so, ich kenne mich mit den Verwandtschaftsverhältnissen nicht so aus (es war wohl der Sohn einer Tante seiner Großmutter), und ist wirklich so schauerlich-schön erzählt von diesem runzeligen Opa, sodass ich sie fast wortwörtlich wiederzugeben versuche. Ich dachte immer, so horrend und entsetzlich könnte nur ich erzählen (oder vielleicht noch E.A. Poe). Aber was das Hurzelchen da von sich gab, ist wirklich phantastisch. Warum er übrigens einsitzt, dazu komme ich denkbarerweise später noch einmal zu sprechen.

Hier also die Geschichte, die ich Zerr-sää-chen brönkt Rää-chen nennen möchte. Was das auf hochdeutsch heißt, wird sich bald zeigen:

Nun, schon der alte Turnvater Körnchen  pflegte zu sagen, dass erfolgreiches Regen Segen zu bringen vermag. Wie es auch sei, Hubertus Quarkstengel, den man trotz seiner Absonderlichkeit keinen Dummkopf nennen konnte, oblag beizeiten einer auditiven  Täuschung - er ist nun mal schon immer ein mehr visueller  als ein akustischer Typ gewesen -, da er die erwähnte Sentenz  mit „Zersägen bringt Regen" zitierte, was in seiner eigentümlichen Mundart - er verbrachte seine Kinder- und Jugendjahre irgendwo auf halber Strecke zwischen Dresden und Radebeul, einem finsteren Nest, das wohl auf keiner Landkarte vermerkt ist und wo sich seine Großeltern, die aus einem ebenso finsteren Nest im Südböhmischen stammten, vor 70 Jahren angesiedelt hatten -, in Hubertus Quarkstengels Mundart klang es etwa wie: „Zerrsäächen brönkt Räächen!“. Dass er sich getäuscht, also verhört haben könnte, ist natürlich reine Spekulation, immerhin besteht die Möglichkeit, dass er in seiner Beschäftigung à tout prix  einen Sinn sehen wollte, der anderen meist abgeht. So arbeitete Quarkstengel seit seinem 15. Lebensjahr als Holzhacker oder besser, eben zutreffender: als Holzzersäger, was ihm ein erträgliches Einkommen sicherte. Eingebettet in einer noch bestehenden ursprünglichen Naturverbundenheit zeigte sein Instinkt ihm den Kreislauf von Wachsen und Sterben in der Natur auf: Wachsen durch Regen, Sterben durch Menschhand, sei es nun Axt oder Säge. Und da dem Sterben neues Leben folgt, folgt dem Sägen bestimmt einmal neuer Regen, der das Wachstum fördert.

Es war nun in dem Jahre, an dem Tag, als uns-Freud-Sigismund sein 32. Lebensjahr  vollendete - Hubertus steuerte auf die 28 zu -, dass Hubertus' Eltern ihren Sohn nach langem Schweigen an die Hand nahmen, um ihm zu eröffnen, dass es an der Zeit wäre, für ihn eine geeignete Frau zu suchen.

„Mööchlich“, antwortete Hubi, wie seine Eltern ihn liebevoll, seine Arbeitskameraden dagegen eher spöttisch nannten. Jenes - eingehoch-deutscht - „möglich“ - aufgrund einer Presbyakusis'  der Eltern weist die Überlieferung hier Lücken auf - könnte allerdings auch ein mundartiges „möcht ich“ gewesen sein; am Ablauf der Dinge änderte es sowieso nichts. Wie auch immer: Hubertus fasste es als einen Rausschmiss auf, als solcher dieser auch gemeint war.

So begab sich Hubertus zunächst nach Dresden. In flauschiger Maienzeit war es ein Leichtes, über Stock und Heide zu wandern, die Nächte unter freiem, noch anheimelndem Himmel zu verbringen. In Dresden war es schon etwas anderes. Hier stand Haus an Haus, die wenigen Bäume dem Schlag nicht freigegeben.
„Das kann nöch sein“, war Hubertus' mundartige, mit dem Hochdeutschen fast gleichlautende Antwort. Und da die Sonne schien, brach er auf, um weiterzuziehen. „Nix Säächen, nix Räächen!“.

Übers Nord- und Mittelböhmische führte ihn sein Weg mit den Tagen zurück in die Heimat seiner Ahnen. Überall gab es für ihn Brot zu verdienen, denn ein lustiger Holzhackerbub respektive  Holzzersäger war nun einmal gefragt.

Weniger erfolgreich erwies sich seine Suche nach einer passenden Frau. Sursum corda , „De Börne nöch häng-je lassen“, wie er sich sagte, ließ er nicht locker, bis er eines Tage an ein gediegenes Frauenzimmer geriet, das ihn mit recht lasziven  Schmeicheleien zu fangen verstand. So säächte er ihr einen, bis der große Räächen kam. So ganz verstand er nicht, was das alles sollte, irgendwie passte das nicht in sein bisheriges Weltbild - schon gar nicht zu seinem Sinnspruch -, aber es gefiel ihm doch. Und wie jeder hin und wieder seine Weltanschauung ändert, so tat sich auch für Hubertus eine neue Welt mit neuen Inhalten und Ansichten auf, die seinen Horizont weitete, seinen Lebensspruch allerdings um die Silbe „zer" auf ein „Säächen brönkt Räächen" reduzierte. Als er nun glaubte, die Frau seiner Wünsche gefunden zu haben, musste er sich sehr bald getäuscht sehen. Daneben war es nicht nur ein amouröses , sondern auch ein pekuniäres  Abenteuer, denn als er am nächsten Morgen erwachte, war er nicht nur seiner Liaison  beraubt, es fehlten auch einige seiner sauerverdienten Moneten.

Ungeachtet dessen, dafür um eine Erfahrung reicher einschließlich neuen Lebenssinns, ging er weiter seinen Weg. Aber mit einer Frau wollte es einfach nicht klappen. Wie sollte es auch?! Ihm fehlten die richtigen Worte. Aber selbst, wenn er diese gefunden hätte, wären sie ihm keine große Hilfe gewesen, dort im Südböhmischen kurz vorm Böhmerwald. Welche von den Mägden, welche Jungfrau verstand schon sein „kannsch möch mööchen“ oder „wöllscht möch hötschen“, was soviel wie „kannst du mich mögen“ und „willst du mich heiraten" heißen sollte. Für böhmische Dörflerinnen waren das alles Böhmische Dörfer. Sie verstanden höchstens „melken" und „hätscheln", was sie dann auch, ohne an eine gemeinsame Zukunft zu denken, taten. Für Hubertus war ‘s aber eben nur „säächen“.

So zersägte er des Tags Holz, und des Nachts sägte er holde Jungfrauen. Aber das war nicht das, was er sich und seine Eitern gewünscht hatten, obwohl sich Hubertus in seiner neuen Welt recht wohl fühlte. Und so kam es, wie es kommen musste. Eines Tages fand Hubertus in sich eine neue Leidenschaft. Alle guten Laren  schienen ihn verlassen zu haben. Sein Lebensinhalt bestand plötzlich wieder im Zerr-sää-chen. Allerdings nicht von Holz.

12 Jahre waren inzwischen vergangen, uns-Freud-Sigismund ging auf die 44 zu und hantierte an der Libido , während Hubertus weiterhin am Lido  hantierte. Man läutete ein neues Jahrhundert ein. An den Glocken, die solch höllischen Lärm machten, kann es auf jeden Fall nicht gelegen haben: Hubertus begann das Zersägen von Frauen.

Es war an einem milden Winterabend. Er lernte ein schon etwas ältliches Fräulein kennen, das ganz seinen Vorstellungen von einer idealen Ehefrau entsprach. An dieser Stelle muss vermerkt werden, dass Hubertus seinem einst’gen Wunsche abhold geworden war, sich mehr und mehr seinem Schicksale, wie es bestimmt schien, ergab. Zunächst ging auch alles gut. Ja, eine Spur von Glückseligkeit zeigte sich am Horizont, denn das besagte Fräulein, selbst schon jahrelang nach einem Gatten aus, begriff sehr wohl, dass unser Freund Hubertus auch eine Portion ehrbarer Absichten im Rucksack trug. Aber, oh Schreck, was zeigte sich da plötzlich im Bette an Hubertus' Seite? Nicht etwa das zartbesaitete, schüchtern-anhängliche Dämchen, nein! Wovon keiner wusste: In dem Fräulein erwachte ein zügelloser Vulkan, der bisher zeitlebens unter einer Erdkruste verborgen schlummerte, einer Erdkruste, die zwar dünn, da aber unbegangen, auch ungebrochen war. Nun brach dieser Vulkan in all seiner unvorstellbaren Heftigkeit aus, hatte vieles nachzuholen, spie seine heiße Lava aus, an der Hubertus' Räächen wie Wassertropfen auf einer glühend-heißen Herdplatte erst perlten, dann verdampften. Das Säächen brachte keinen Hubertus'schen Regen mehr. Da half nur noch Zerrsäächen. Zunächst taten ‘s die von harter Arbeit gestählten Hände Hubertus' auch. Als der östromane  Vulkan auf diese Weise gelöscht war, kein Lüftchen mehr aus ihm wehte, da erst begriff unser Freund, dass das Sägen wieder zum Ursprung zurückgefunden hatte. Was blieb ihm mit der Leiche auch anderes übrig? Er zersägte sie in kleine handliche Stücke, warf diese in den Ofen, wo sie zu Asche verbrannten und dazu verhalfen, das winterkalte Zimmer zu heizen.

Bis hierhin durfte man Hubertus keine Schuld geben, es sei denn, man mache ihm den Vorwurf es Machismus  , an dem allerdings bis zum heutigen Tage und wohl auch noch weit darüber hinaus die meisten Männer leiden. Seine Tat geschah aus dem Affekt heraus, obwohl das Wort Affekt hier im Grunde fehl am Platze ist. Weniger eine heftige Erregung oder außergewöhnliche Anspannung war die Ursache der Tat, als gerade ihr Gegenteil. Was man aber Hubertus zum Vorwurf machen muss, ist das Zerrsäächen. Und er hatte Blut geleckt.

Hubertus konzentrierte sich von nun an ausschließlich auf alte Jungfern. Schönheit und dergleichen, selbst Alter spielten keine Rolle mehr. Er hatte nur noch den Wunsch, seine Opfer heiß zu machen, den verborgenen Vulkan zum Bersten zu bringen, um sich dann derer dank kräftiger Hände und Säge zu entledigen, d.h. sie kalt zu machen. Selbstverständlich fand er nicht allerorts den erhofften Vulkan, in einigen war durch das Alter das Feuer erloschen. Und doch, war es auch nur ein Knistern, es reichte ihm: Zum Zersägen genügten sie ihm alle mal.

Wie viele so sein Opfer wurden und durch den Schornstein gingen, wurde nie bekannt. Hubertus Quarkstengel war nicht der Mann, der darüber Buch führte. Und wie sonst sollte man die Zahl derer feststellen, die zu Asche verbrannten.

Der pure Zufall war es dann auch, der zum Stolperstein für Hubertus wurde. Bisher hatte er es verstanden, ohne Spuren zu hinterlassen - bis auf den Rauch, der aber schnell von Winde verweht wurde -, weiter von Ort zu Ort zu ziehen. Im Böhmerwald, über die Moldau hinweg im Südböhmischen, ja wieder Richtung Dresden ziehend in Westböhmen zwischen Pilsen und Karlsbad lebten von Tag zu Tag immer weniger alte Jungfrauen, die darauf warteten, vom Fleck weg geheiratet zu werden.

Und kurz vor Komotau sollte es dann passieren, dass von einer Stunde auf die andere der Winter vom Frühling abgelöst wurde. Am blauen Himmel schien die Sonne, jegliche Wolke hatte sich gen Osten verzogen, der Schnee schmolz zu kleinen Rinnsalen, die sich den Flüssen ergossen. Wie schon anfangs erwähnt, war Hubertus kein Dummkopf. Bei dieser Wärme konnte man unmöglich den Ofen brennen haben, das wäre sofort aufgefallen. Keiner hatte das Geld, sinnlos Brennstoff zu verheizen. Aber der Boden war noch hart gefroren, um ein Loch zu graben, dass groß genug wäre, den zersägten Leichnam aufzunehmen. Bis die Nacht käme, blieb ihm keine Zeit. Seine Geduld reichte nicht dazu. So verstaute er die Leichenteile unter einem Holzstapel und ergriff die Flucht, so als ahnte er es, zwei Tage später festgenommen zu werden. Ein älterer Herr, der als Beamter kurz vor der Pensionierung stand und als schrumpeliger Junggeselle ein Auge auf die fast ebenso schrumplige alte Jungfer geworfen hatte, wollte, da er nach Jahren endlich den Mut fand, seine Aufwartung zu machen, diesem Jungferchen, das Hubertus Quarkstengels letztes Opfer sein sollte, einen Besuch abstatten. Was er fand, war nicht eine - wie er es sich ausgemalt hatte - unter seinen Blicken aufblühende Braut, sondern ein zerstückelter Leichnam. Und es dauerte denn nicht mehr lange, immerhin noch zwei Tage, als man auf den vagabundierenden Hubertus aufmerksam wurde, an dessen Säge sich nicht nur Sägespäne befand, sondern auch verkrustetes Menschenblut.

Hubertus war sogleich geständig. Nach seinem Motiv befragt, antwortete er nur kurz - na, was wohl: „Zerrsäächen brönkt Räächen!".

Soweit die Geschichte von Hubertus Quarkstengel (schon der Name ist Programm). Irgendwie hat uns-Freud-Sigismund, wie unser Männlein den Erfinder der Psychoanalyse zu nennen pflegt, sich seiner angenommen. Leider ist sein Fall in keiner der Studien Freuds aufgeführt. Hiermit soll dieses nachgeholt sein. Seinen Lebensabend fristete Hubertus wieder mit dem Zersägen von Holz, das zur Feuerung der Anstalt diente, die ihm Unterkunft gab. Den Verwicklungen der deutschen Geschichte in den 30er Jahren entging er durch rechtzeitigen Tod. Er starb im Jahre 1932 an einer Blutvergiftung, nachdem er mit der Säge aufgerutscht war und sein rechtes Bein verletzte.

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Und er kam wieder. Mein Bezirksleiter. Irgendwie hatte man ihm wohl Feuer unter dem Hintern gemacht. Sein Bericht vom ersten Besuch bei mir muss für die Herren Direktoren mehr als unbefriedigend gewesen sein. Jetzt versuchte er es mit der knallharten Methode. Den Fuß in der Tür wollte er heute die Bratfischpfanne an mich verkaufen bzw. eine Klärung des Falles herbeiführen.

Nach dem Vorgeplänkle, dem Austausch allgemeiner Höflichkeiten kam er gleich zur Sache. Das hätte ich ihm gar nicht zugetraut. Jetzt war ihm das Produkt, also das zu erzielende Ergebnis, eindeutig wichtiger als die Verkaufsstrategie. Aber Frisch gewagt ist halb gewonnen! und Überzeugung tut not! blieben ihm ja noch, auch wenn Aller Anfang schwer ist. Mit meiner Gegenstrategie musste ich also gegenhalten. Zunächst hieß das zu sondieren, was für mich herauszuschlagen sei.
Er rückte, wenn auch etwas verklausuliert, mit der Wahrheit heraus (das kann doch kein neuer Lehrsatz von ihm sein: Wahrheit!), eben mit dem Hinweis, dass Frau Müller zu klagen gedenke, wenn nicht freiwillig ein Schadenersatz in einer gewissen Höhe (die Höhe nannte er nicht) von der Firma geleistet wird. Aber genau daran denke man nicht. Es war ja mein schuldhaftes oder vielleicht doch eher fahrlässiges, wenn nicht sogar zurechnungsunfähiges Verhalten, das zu diesem Unglücksfall geführt hatte. Ich sei mit Sicherheit auch provoziert worden. Viele mildernden Umstände wären anzuführen, man müsse sich nur auf die Suche nach ihnen machen.

Also der Verkaufsrepräsentant des Unternehmens (keine Herren Direktoren mehr? wie schade) lehnt jegliche Zahlung an Schadenersatz ab. Jeder vernünftige Jurist würde der Frau Müller abraten, einen Prozess anzustrengen. Aber man weiß ja nie, da gibt ‘s die Pfennigfuchser, die aus jedem Mist ihre Groschen zu pressen verstehen. Nun wolle man von mir eine Erklärung, dass ich mich zu der Tat verantworte und in mir gegebenen schlichten Worten erläutere, wie es zu dem von allen, von mir am meisten, als bedauernswert empfundenen Vorfall kommen konnte. Er hätte sich bereits daran gemacht, einen kleinen Schriftsatz aufzusetzen, der selbstverständlich in jeder Art von mir revidiert werden könnte. Ihm genüge heute eigentlich nur mein erstes Einverständnis, einen solchen Schriftsatz zu unterschreiben.

Nebenbei hätte er auch schon ein kurzes Gespräch mit dem mich behandelnden Arzt geführt, das ihn zu der Überzeugung kommen ließ, dass ich nicht unheilbar psychisch erkrankt sei, im Gegenteil, dass mit meiner baldigen Genesung zu rechnen sei. Mein Arzt wäre vor allem bereit, eine Art ärztliches Attest auszustellen, das im Tenor aussage, ich sei durch großen seelischen Stress zu der Handgreiflichkeit veranlasst worden, wodurch meine von ansonsten großer Charakterstärke geprägte Verhaltensweise lediglich temporär außer Kontrolle geriet. Zum seelischen Stress würde er genügend Beiwerk liefern, ebenso zur Aussage, ich sei charakterlich stark. Jenes wie dieses wäre im gutachterlichten Sinne durch ihm, dem Facharzt, zu belegen.

Bravo, das war ganze Arbeit, mein Bezirksleiter! Soweit, so gut! Was kratze mich das aber alles. Ob Frau Müller nun klagt oder nicht, konnte mir völlig gleich sein. Ich hatte höchstens zu befürchten, dass ich wegen Körperverletzung verknackst werde. Aber das stand auf einem anderen Blatt. Mit welcher Gegenleistung war zu rechnen, wenn ich diesen Wisch unterschreibe? Das wollte ich gern wissen. Aber das konnte ich natürlich nicht so frei heraus fragen.

Im Geiste zerriss ich zuerst einmal mein Gegenstrategiepapier. Ich musste gestehen: Mein Kontrahent hatte ausgeschlafen! Er versteht sein Geschäft und ist wohl nicht umsonst Bezirksleiter mit Aussicht auf baldige Beförderung! Aber diese wollte ich ihn so schnell nicht ermöglichen. Ich griff zum Lehrsatz fünf meines Widersachers: Zeit ist Geld! Ich musste Zeit gewinnen. Jeder Kunde, der gleich jedes Blatt Papier unterschreibt, ist im Sack. So schnell wollte ich nicht nachgeben. Und irgendwas musste für mich dabei herausspringen. Der Kunde bekommt wenigstens noch ein Produkt für sein Geld, und sei es auch nur eine Bratfischpfanne. Leistung und Gegenleistung müssen sich die Waage halten! Ja, das war es: Den Wisch gegen einen anderen Wisch!

Wenn das mit dem Arztgespräch stimmte, dann konnte das nur heißen, dass man beabsichtige, mich, wenn auch nicht sofort, so doch bald aus diesem Hause zu entlassen. Entlassen! Wäre ich dann auch noch von meiner Arbeit entlassen, sähe ich alt aus. Das musste also geregelt werden. Nur jetzt und hier konnte das unmöglich geschehen. Somit erst einmal auf Zeit setzen.

Ich nahm also den Wisch und schaute ihn mir an. Vielleicht ließ sich aus seinem Inhalt auf die Absichten des Verkaufsrepräsentanten und meines Bezirksleiters schließen. Viel hatte der Herr Bezirksleiter nicht zusammen bekommen (hinter der ganzen Offensive gegen mich steckte also vor allem der oberste Verkaufsheini). Da stand zunächst etwas davon, dass ich meinem Bedauern Ausdruck verleihe, dass ich mich schäme, zu solch unverhältnismäßigen Mitteln Zugriff genommen haben und dass es mir in meiner jetzigen Situation einfach unverständlich erscheint, dass es überhaupt dazu kommen konnte. Es tue mir leid! Dann hatte er stichwortartig Gründe zusammengeklaubt, die Ursache für mein Verhalten sein könnten. Alles irgendwie mit Druck auf die Tränendrüsen, aber doch akzeptabel. Der letzte Absatz gefiel mir dann doch weniger, in dem er mir die Hand führte, um nicht nur um Abbitte zu winseln, sondern sogar Wiedergutmachung anzubieten, wie, blieb dabei offen.

Ich hatte zwar den Schrieb in der Hand, aber kein Mittel, um mich gegen diese profimäßig agierenden Lumpensäcke zu wehren. Ich war fast soweit, kampflos aufzugeben und sagte, gewissermaßen um innerlich Luft zu holen, dass das ja alles ganz toll sei, wie aus meinem Herzen, aus meiner Seele, ja, meinem Bauch geschüttet und zu Papier gebracht. Wo er denn nur einen Stift hätte, um meine Unterschrift zu leisten. Damit hatte er dann doch nicht gerechnet. Er hätte das alles ja nur erst einmal in Kladde für mich verfasst, sozusagen als Diskussionspapier. Aber wenn ich so bereitwillig wäre, ein entsprechendes Dokument zu unterzeichnen, dann wolle er sich sputen, um ein wirklich unterschriftreifes Papier zu erstellen. Ich fürchtete fast, dass er aufspringen könne, losrennen, um mir in Minutenfrist das Zettelchen, bereit zur Unterzeichnung, unter die Nase zu reiben.

Seine Verwunderung, so schnell meine Bereitwilligkeit zu erheischen, gab mir wieder Mut. Ich drehte den Zettel hin und her, drehte ihn von oben nach unten und von links nach rechts, als suche ich etwas, was nirgends zu finden sei. Er runzelte bereits die Stirn, als ich nicht mehr umhin konnte, ihn zu fragen: „Aber da fehlt doch noch etwas! Finden Sie nicht auch? Ich finde es auf jeden Fall nicht! Oder? Sie sind mir einer. Wo haben Sie es nur versteckt?“

Er wollte wissen, was ich meine. Er könne sich nicht denken, was ich suche. „Na, da fehlt doch noch was!“, wiederholte ich. Irgendwie wusste ich in diesem Augenblick selbst nicht, was ich suchte. Oder ich wusste nicht, wie ich es ihm verklickern sollte, dass ich auch gern ein Papier hätte, in dem zumindest steht, dass man auf meine Weiterbeschäftigung nicht zu verzichten gedenke. Jetzt spielte Zeit für mich keine Rolle mehr. Da er knallhart war, musste ich es auch sein und sagte mit bestimmtem Unterton in der Stimme, damit auch nicht der geringste Zweifel an meiner Standfestigkeit auftreten konnte: „Die Entlassungspapiere!“ Pause! „Oder wollen Sie mir einreden, dass man nicht gedenkt, mich zu entlassen!“

Wieder war er verblüfft. Außer zu einem Aber, war er zu nichts anderem zu sprechen imstande. „Ich habe bekundet, Ihr Papier zu unterschreiben! Ich erwarte dann aber auch ein Entgegenkommen Ihrer Seite. Nicht mehr lange und ich werde hier entlassen sein. Eine leichte Unpässlichkeit, nicht viel mehr. Und ich werde dann wieder arbeiten müssen. Wird das weiterhin mit Ihnen sein, oder denkt man daran, mich hinauszuwerfen? So antworten Sie mir!“ Wieder ein Aber. Diesmal mit dem Hinweis, dass darüber, nämlich über meine Entlassung, kein Wort gefallen sei. Also denke man bestimmt auf höherer Ebene auch nicht daran. Nochmals ein Aber, diesmal von mir. „Aber auszuschließen ist das eben nicht! Klären Sie das! Und wenn es im für mich positiven Sinne klargestellt ist, dann kommen Sie sowohl mit der entsprechenden schriftlichen Bestätigung zu mir, als auch mit dem Schreiben, das Sie von mir unterzeichnet wünschen! Das wär ‘s dann wohl!“ Tür auf, Klappe zu, Affe tot!

Er sprang auf, kramte schnell seine Sachen zusammen und rannte zur Tür. Mit einem Tschüß denn auf den Lippen ließ er sich durch den Ausgang gleiten. In diesem Augenblick verging sich an der Schwester der Doktor trotz geradezu unendlicher Wehr.

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Sex and Crime ist in diesem Hause nur bedingt ein Thema. Dafür ist Literature and Crime schon eher ein Einweisungsgrund. Sex oder besser: das Defizit an Sex spielt dabei selbstverständlich eine wichtige Rolle. Da liest ein Jüngling den Steppenwolf von Hesse und in seinem Gefühl, von der Welt nicht verstanden zu werden, sehnt er sich nach dem Tode. Eigentlich klappt er nur nicht mit seiner Freundin. In seinen schriftlich verfassten Liebesbeschwörungen nennt er sich so Stephen Wolf. Oder da liest ein Mann die Geschichte der unausgefüllten und unbefriedigten Madame Bovary, und der Gedanke, seine Frau gehe fremd, überkommt ihn wie eine fixe Idee, sodass er nach einem gott-sei-dank fehlgeschlagenen Versuch, seine Frau totzuschlagen, hier eingeliefert wird ("Und außerdem nahm sie öfter in der Nachbarschaft an Tupper-Partys teil, als dass wir miteinander schliefen!").

Ein weiterer ging ebenfalls seiner Frau an die Gurgel, weil er nach der Lektüre von Strindbergs Plädoyer eines Irren - hingerissen zwischen Verachtung und Anbetung der geliebten Frau - der Annahme war, seine Frau wäre eine Prostituierte, die in der Zeit, da er auf der Arbeit weilte, mit fremden Männern schliefe. Dabei wollte er nur selbst entsprechend bedient werden.

Aber ein ganz besonderer Fall ist der des Herrn Wächter. Er wird aus triftigen Grund der Schlosswächter genannt oder auch Wachhund. Eigentlich interessierte er sich nur wenig für Literatur. Und wenn, dann nur, um sich mit aus den Büchern gesammelten Zitaten, also mit fremden Federn zu schmücken. Es muss wohl solche Menschen geben, die zu jedem Stichwort ein passendes Zitat auf Lager haben: Der wandelnde Büchmann! Wie auch immer!

Herr Wächter ist das, was man einen cholerischen Typ zu nennen pflegt, er ist leicht aufbrausend und nur selten in Kürze zu beruhigen. Hinzu kommt ein äußerst ausgeprägter Gerechtigkeitssinn, der erst dann gestillt oder zumindest besänftigt ist, wenn ein auch nur scheinbar vorhandenes Unrecht getilgt ist. Behörden, Gerichte, Institutionen der unterschiedlichsten Art - alle kennen diese Schreiber seitenlanger Pamphlete, in denen sich beschwert wird, in denen Anschuldigungen gegen alles und nichts erhoben, in denen auf Missstände der obskursten Art aufmerksam gemacht werden und in denen sich die wütende Volksseele ein Ventil sucht. Einer von denen ist der Wachhund. Alles wohlformuliert und mit Zitaten angereichert, damit auch nicht im entferntesten der Eindruck entstehen könnte, hier schriebe sich ein unbefriedigter und selbstgerechter Querulant den Frust von der Seele.

Dann begann aber das Unglück. Als Krönung seiner bisherigen Laufbahn als juristisches Gewissen der Nation fielen ihm zwei Bände Kafka in die Hände: Der Prozess und Das Schloss! Das ist Weltliteratur! Zwei Meisterwerke, wenn auch unvollendet! Wie konnte er sich mit den gequälten Seelen von Josef K. bzw. K. identifizieren. Er ging daran, das Werk Kafkas gewissermaßen zur Vollendung zu bringen. ...

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9

Überhaupt ist es hier eine sehr erlauchte Gesellschaft sogar mit namhaften Gesichtern. Die reinste Prominenz. Bekannt aus Funk und Fernsehen. Zumindest aus der städtischen Tageszeitung. Unter anderem auch Albus Vulcano, der stadtbekannte Künstler, der im wesentlichen das Thema Vulkane künstlerisch aufarbeitet. Dass er so nicht mit wirklichem Namen heißt, ergibt sich aufgrund des Namens schon von selbst. Eigentlich heißt er Willi Weiß, aber das erfuhr ich erst später, als wir schon warm miteinander geworden waren oder, wie Albus, also Willi, meinte: heiß! Denn wenn man sich für Vulkane interessiert, dann kann etwas nur heiß, siedend, glühend, am besten brennend oder kochend und damit brodelnd und im lava-schwefligem Sinne auch blubbernd sein. Oder vulkanisch - damit umschrieb er alles, was mit Leidenschaft zu tun hatte, mit ungehemmtem, ungezügeltem, ungestümem und ungezähmtem Temperament. Willi nannte sich Albus mit Vornamen, um darin seinen eigentlichen Nachnamen wiederzufinden. Aber Albus war eigentlich kein Vorname, sondern das Attribut zu Vulcano: albus wie weiß - was seine ganze Phantasie vereinnahmte, war ein aktiver weißer Feuerberg! Weißglut! Oft hatte er den Ätna fotografiert mit seinen unzähligen Kratern, wie er schneebedeckt über Sizilien ragt. Was würde er geben, wenn er einmal dabei wäre, wie aus diesem Vulkan die Lava gespieen sich zischend durch Schnee und Eis Bahn bricht.

Gekannt wurde Albus durch unzählige Gemälde zum Thema Vulkan. Aber auch seine Fotos von erkalteter Lava in all ihren möglichen Strukturen fanden den Weg in die Galerien. Daneben verfasste er auch Gedichte und kleinere Prosastücke, die dem gleichen Motiv gewidmet waren. Die Gedichte schrieb er gewissermaßen wie ein junger Wilder.

Als wir bereits miteinander wie gesagt heiß waren, saß er gerade über einen aus einer Zeitung herausgerissenen Zettel und war dabei, ein Gedicht niederzuschreiben. Zuerst warf er Brocken an Halbsätzen aufs Papier. Ich las:

Speiende heiße Masse
Asche, die den Himmel verdunkelt
brodelnde Lava aus allen Poren der Erde

Erst Ursprung des Lebens
heute Tod

Da er durchaus auf Reime besteht, so suchte er zunächst für die Endungen seiner Brainstorming-Halbsätze die passenden Reimwörter. Da es für fast jedes Wort auch ein Reimwort gibt, so konnte er jung-wild seine Halbsätze ergießen lassen (und sollte es einmal kein Reimwort geben, so erfand er einfach eines, wie er mir sagte; nur in absoluten Ausnahmefällen schrieb er einmal seinen Halbsatz um; gänzlich getilgt hatte er bisher noch keinen dieser wildgewordenen Wortschnipsel). Ich las weiter:

Speiende heiße Masse
Terrasse/Trasse/ ...asse
Asche, die den Himmel verdunkelt
munkelt/funkelt/ ...unkelt
brodelnde Lava aus allen Poren der Erde
Pferde/Herde/ ...erde

Erst Ursprung des Lebens
Bebens/Hebens/ ...ebens
heute Tod
Kot/Not/ ... od/t

Jetzt musste er nur noch den ersten Halbsatz mit jeweils einem zweiten ergänzen, wobei er peinlichst darauf achtete, dass jetzt auch der Sprachrhythmus stimmte (Hatte der erste Halbsatz sieben Silben, so musste dies auch der zweite Halbsatz haben). Wenn es dann noch zu halbwegs logischen Zusammenhängen seiner Wortergüsse kam, war am Ende ein Vulkanisches Wortgestein geboren, das nur noch der Veröffentlichung harrte. Er riss ein weiteres halbwegs unbedrucktes Stück Papier aus der Zeitung und schrieb:

Speiende heiße Masse
überspült hohe Trasse
Asche, die den Himmel verdunkelt
Glut, die grell wie Sterne funkelt
brodelnde Lava aus allen Poren der Erde
zieht zäh und träge wie die endlos weite Herde

Erst Ursprung des Lebens
nicht wert des Aufhebens
heute Tod
große Not

Wider Erwarten kamen so (wie das Beispiel halbwegs anschaulich zeigt) durchaus auch für den anspruchvollen Leser akzeptable Verse heraus. Meist aber wuchs ein Ungetüm an zusammenhanglosem Wortgewusel heran, speziell wenn er, z.B. in einem Wörterbuch fürs Isländische, blätternd deutsche und hier isländische Wörter erst streute, um sie dann mit der Feder in der Hand auf Papier zu bündeln.

Willi Weiß, als er noch Willi Weiß durch und durch war, hatte die Bäckerei erlernt. Er lebte in einer kleinen Stadt nicht weit von hier entfernt. So buk er Tag für Tag seine Brötchen. Da Zufall immer eine große Rolle spielt, wollte es dieser, dass er durch Kameraden aus dem Sportverein, in dem er zweimal wöchentlich breitensportlich turnte, gefragt wurde - unter Kameraden macht man das -, ob er nicht Lust hätte, an einer zweiwöchigen Tour nach Island teilzunehmen.

Island sagte ihm eigentlich nichts. Aber da er auch sonst nichts Besseres vorhatte und die Kosten sich wohl in seinem Rahmen hielten, sagte er zu und fuhr so für zwei Wochen nach Island. Und so lernte er Eis- und Feuerberge kennen. Zwar sah er viel Eis und auch Berge, aber leider kein Feuer, also keine ungezügelt dahin fließende Lava.

Aber der Augenblick, in dem er auf dem Flughafen von Keflavik isländischen Boden betrat, war die Geburtsstunde des Albus Vulcano. Allgemein tragen wohl Bäcker ein Potential an Abenteuerlust in sich, wie andere Beispiele zeigen. Willi bzw. Albus ging es aber jetzt nicht nur um Nervenkitzel, Wagnis oder gar Vabanquespiel. So wie die Glut jahrelang im Vulkan vor sich hindümpeln kann, so verbarg sich in Willi-Albus ein Hang zum Künstlertum. Und gleichsam einem Vulkan brach dieses Künstlertum hervor. Zunächst schoss er Foto um Foto. Aber schon zurück in deutschen Landen wagte er es, Leinwände mit Ölfarbe zu bemalen.

Albus Vulcanos Opus No. 1

Und zuletzt kam er dann auch noch zur Schriftstellerei. Jetzt war er dabei, so etwas wie eine Vulkan-Sprache zu kreieren. Was bot sich als Fundus da Besseres an als das Isländische, die Ursprache des Vulkanischen. Wie erwähnt hatte er bereits in vielen Gedichten auf diese zutiefst nordische Sprache zurückgegriffen. Und so kam es, dass er auch mir gegenüber z.B. nicht von Asche sondern von aska sprach, Lava war hraun (Aussprache ist etwa: hröin mit kräftigem ‚h‘ vorneweg) und Vulkan eldfjall. Das höchste aller Gefühle war dann doch, wenn er für Vulkan das isländische Wort mit der deutschen Wortwörtlichkeit Feuerberg benutzte. In keiner Rede - außer in der von Albus - kamen so häufig die Worte Krater, Blitz und Donner und Feuerprobe vor.

Albus Vulcanos Opus No. 2

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10

Neben meinem Herrn Doktor gibt es natürlich noch andere Ärzte, die sich um die geistige und seelische Genesung der eingewiesenen Patienten kümmern. Mit einem dieser Ärzte hatte ich bisher nur beiläufig Kontakt. Er ist ein großgewachsener, für sein Alter von - ich schätze - gut 40 Jahren schlanker und auch gut aussehender Mann, der irgendwie eine angenehme Ruhe ausstrahlt, im Gegensatz zu meinen Arzt, der immer äußerst hektisch wirkt.

Bekanntlich haben auch Ärzte ihre Krankheiten. So fehlte eines Tages mein Herr Doktor, weil ihn ein Grippevirus heimgesucht hatte. Stellvertretend für ihn wurde ich mithin von dem eben erwähnten Arzt weiterbehandelt. Wir kamen so ins Gespräch.

Er blätterte dabei nebenbei in meiner Akte und sah wohl, dass ich mich für Literatur interessiere. Und als ich ihn darauf ansprach, dass er auf mich einen ungemein lockeren, ja beruhigenden Eindruck mache, richtete er sich plötzlich in seinem Stuhl auf, rückte näher an den Tisch, um in seinem Schreibtisch zu kramen:

"Es ist eigentlich nicht meine Art", fasste er sich wohl ein Herz zu sagen, "Patienten mit mir ganz privaten, gar intimen Dingen zu konfrontieren. Aber da Sie das Thema gewissermaßen kratzen, und ich den Eindruck habe, einen gestandenen und lediglich fehlgeleiteten Menschen vor mir zu haben, so darf ich durchaus auf eine von mir entwickelte Theorie zurückkommen. Theorie ist etwas zuviel gesagt. Und was das Private oder Intime an der Sache betrifft, so ist es das nur, weil das Besagte von mir stammt. Aber ich will es nicht so spannend machen. Ob nun Theorie oder was auch immer! Ich denke, dass jeder Mensch auf seine Weise das Potenzial in sich trägt, um das zu finden, was schlechthin die Wahrheit genannt wird. Von Wahrheit zu sprechen, halte ich für reichlich überzogen. Einige nennen es durchaus richtig: Weg! In den fernöstlichen Weisheiten finden wir diesen Begriff sehr häufig!"

Ich bestätigte das, nannte den Taoismus und das chinesisch Weg eben Tao (und nach Aussprache und neuerer Schreibweise Do) heiße.

"Genau! Nun ich wollte weder einen neuen Taoismus noch eine entsprechende westliche Variante kreieren. Ich bin einfach von dem ausgegangen, was mir selbst immer geholfen hat, meinen Lebensweg zu finden. Wenn ich Ihnen etwas vom Goldenen Weg der Mitte erzähle, so kommt das Ihnen bestimmt mehr als bekannt vor. Das klingt fast schon abgedroschen. Nennen wir es anders; nehmen wir stattdessen einfach einen moderneren Begriff: Timing! Das richtige Timing! Das geht dann zwar in eine andere Richtung, denn die Beziehung beruht nicht mehr auf ein Äußere, den Weg, sondern auf die Art und Weise der Handlung, das Wie - also: mit welchem Timing ich etwas mache. Nach dem Motto: Gut getimt ist halb gewonnen!"

Er schob mir eine Mappe zu, die ich gleich in die Hand nahm, aufschlug und die wenigen Seiten in ihr durchblätterte. Dabei stachen mir die Worte der Überschrift Richtiges Timing zwischen Exzess und Askese in die Augen.

"Bitte, lesen Sie das einmal in aller Ruhe durch. Lassen Sie sich Zeit. Auch mit Ihrem Urteil. Obwohl es mir ganz recht wäre, wenn sie mir ganz spontan Ihren ersten Eindruck wiedergeben würden. Ich will nicht beschwichtigen oder gar abwiegeln, wenn ich sage, dass das dort Geschriebene noch nicht ganz zu Ende gedacht ist, vielleicht sogar das ist, was man unausgegoren nennt. Aber vielleicht kennen Sie das Gefühl, das einem befällt, wenn man einem anderen etwas aus der eigenen Feder zum Lesen gibt. Noch war man sich ganz sicher, etwas ganz Hervorragendes verfasst zu haben. Aber kam hält es ein anderer in Händen, schon beschleicht einem das Gefühl, dass das Geschriebene nur so von Fehler strotzt. Am liebsten möchte man es den fremden Fingern entreißen! Aber ich habe Mut. Hier nehmen Sie es!"

Mir blieb nichts anderes übrig. Und ich las die ersten zwei Seiten.

Richtiges Timing zwischen Exzess und Askese (richtiges TEA)

Die richtige Wahl der Schritte in Tempo, Schrittlänge und Frequenz erlaubt ein ausdauerndes Gehen. Die ausgewogene Zusammenstellung der Nahrungsmittel sättigt ohne Völlegefühl. Eine vernünftige Lebensgestaltung mit Beschäftigungen in den unterschiedlichsten Bereichen wie Sport, Kultur usw. gewährleistet neben der beruflichen Tätigkeit ein erfülltes Dasein.

Um die richtige Wahl treffen zu können, muss ich die Dinge kennen, die Einfluss auf den Ablauf haben, um das optimalste Ergebnis zu erzielen. Und die Dinge, die Einfluss nehmen, bedürfen dabei der richtigen Dosis, die individuell unterschiedlich sein kann. Bezogen aufs Gehen wird ein junger Mensch durchaus ein höheres Tempo als ein älterer Mensch anschlagen können, ohne schnell zu ermüden. Für einen körperlich großen Menschen ist eine größere Schrittlänge bei kleinerer Schrittfrequenz sinnvoller als bei einem kleinen. Aber das sind nur einige der Faktoren, die z.B. das ausdauernde Gehen bedingen.

Es kommt ganz einfach auf das richtige Timing, die vernünftige Dosierung, das rechte Maß unter Einbeziehung aller mir bekannten Bedingungen an.

Bleiben wir kurz beim Gehen. Wenn ich eine bestimmte Strecke immer wieder aufs neue gehe, so kenne ich die besonderen Bedingungen, die diese Strecke beinhaltet. Es kann z.B. sein, dass eine Kreuzung mit Ampelschaltung meinen Weg säumt. Mit der Zeit kenne ich die Phasen, also die zeitliche Abfolge, in der die Ampel von rot auf gelb und dann auf grün schaltet und zurück. Dosiere ich aus der Ferne meinen Schritt entsprechend, so kann ich eine grüne Phase erwischen und brauche nicht unnötig vor der Ampel stehen bleiben. Weitere Faktoren wie Wetter, persönliches Befinden usw. bestimmen ebenfalls mein Gehen; ist es angenehm frisch, aber nicht zu windig, und bin ich ausgeruht, so kann ich meinen Weg leichter gehen, also ohne unnütze Kräfte zu vergeuden. Was die Strecke als solches anbelangt, so wähle ich mir jene, die mir von ihren Bedingungen als die günstigste erscheint. Länge, Hindernisse (wie z.B. die Ampel) u.ä. spielen dabei eine Rolle.

Die Alternativen ergeben sich aus der unterschiedlichen Summe der Bedingungen und deren anhängigen Attribute. Mein Wissen und das Umsetzen dieses Wissens bestimmen dann die Wahl. Schlage ich also z.B. einen mir bisher unbekannten Weg ein, so kann das zur Folge haben, dass ich vielleicht eine kürzere Strecke zurückzulegen habe, aber durch erschwerende Hindernisse muss ich mehr Kraft aufwenden, diesen neuen Weg zu gehen, und zeitlich habe ich auch keinen Gewinn. Aber ich habe mein Wissen erweitert und weiß nun, dass dieser mir bisher unbekannte Weg nicht der richtige ist. Ohne Erfahrung, also Wissen, kann ich nicht das rechte Maß, das richtige Timing finden.

Mithin ist das rechte Maß nichts Mittelmäßiges. Im Gegenteil: Ich muss probieren, muss mir Informationen über den Zustand des Lebens aneignen, um daraus die Lehre zu ziehen: das richtige Timing zu finden.

Das rechte Maß, die richtige Dosierung liegt dabei immer zwischen Exzess und Askese. Wer über seine Mittel hinaus geht, wer auf Dauer unnütz Energie verschleudert, aber auch wer seine Kräfte nicht im vorhandenen Maß benutzt, der wird das richtige Timing ohne weiteres nicht erlangen.

Der Doktor wippte reichlich unruhig auf seinem Stuhl. Ich hatte den Eindruck, er mache Immer wieder Anstalten aufzuspringen, um mir das Manuskript zu entreißen. Aber als besönne er sich, riss er sich förmlich zusammen, und machte das, was man gute Miene zum bösen Spiel zu nennen pflegt. So kam es mir auf jeden Fall vor, wenn ich gelegentlich kurz aufblickte, so als dächte ich kurz nach, um das Gelesene zu überdenken, Revue passieren zu lassen.

Als ich dann zum zweiten Male umblätterte starrte ich auf ein leeres Blatt Papier. Ich blätterte weiter. Und wieder nur leere Blätter. Ich schaute auf. Mit gierigem Blick guckte mich der Doktor an, als wäre ich wie im Märchen die Großmutter, die er wie der Wolf zu fressen beabsichtigte.

"Genug!", sagte er in einem Ton, der seine Anspannung verriet, diese aber doch so verhalten wie möglich auszudrücken suchte. Eine kurze Pause entstand.

"Bin ich verrückt? Halten Sie mich für verrückt, solches Geschreibe zu verfassen?" Ich bemühte mich, Fassung zu wahren und verneinte sogleich seine doppelt gefasste Frage: "Nein, wie kommen Sie darauf? Das klingt doch alles ganz plausibel, was Sie da geschrieben haben. Im Gegenteil! Es ist mehr als vernünftig, was ich da lese!"

"Das ist Ihr erstes, ganz spontanes Urteil! Richtig? Nicht das ich anderes erwartet habe. Aber manchmal wähnt man sich auf dem falschen Weg, auf dem Abweg. So als Arzt in einer solchen Institution fürchtet man sich oft genug davor, sich gleichsam bei den Patienten anzustecken. Nicht das ich denke, verrückt zu sein, wenn ich mich hinsetze, ein solches Traktat zu verfassen. Aber auch ich bin nicht davor gefeit, hin und wider meinen Verstand in Zweifel zu ziehen. Übrigens ist das eine These, die ich noch in diese Abhandlung einarbeiten möchte. Nur ist mir der Bezugspunkt zum Thema Timing noch nicht geglückt. Es geht überhaupt um das Thema Anzweiflung. Wie gern nehmen wir alles und jeden als Tatsache, als einen unwiderlegbaren Grund, auf dem alles andere aufgebaut zu sein scheint. Wie vieles sollte da doch lieber hinterfragt, wenn eben nicht sogar angezweifelt werden. Und sich selbst sollte man dabei am wenigsten aussparen. Aber lesen Sie weiter. Viel habe ich nicht mehr zuwege gebracht. Aber auch dieses Wenige sollen sie kennen lernen. Blättern Sie noch einmal um, und dann geht es weiter". Ich las also weiter.

Es heißt so schön: “Der Weg ist das Ziel!” Ein Ziel ist eigentlich etwas Starres, Fixiertes. Ist ein Ziel erst einmal erreicht, so ist man an einem Punkt, an dem man ein neues Ziel anzustreben hat oder man verharrt an diesem. Verharren gleich Erstarren! Dagegen heißt es, sich auf den Weg machen, sich bewegen. Bewegung ist eindeutig etwas Dynamisches. Ist also der Weg das Ziel, so ist das Ziel nicht mehr das Starre, sondern da es nicht mehr fixierbar ist, bleibt es lebendig und voller Energie. Und wird auf die Bewegung der Grundsatz des richtigen Timings angewandt, dann bedeutet das nicht nur ein Bestmöglichstes an Bewegung, sondern auch eine weitere Steigerung des Lebensgefühls.

Es wird der Einwand erhoben werden: Die Lehre vom richtigem TEA sei “der Weg des geringsten Widerstandes”. Den geringsten Widerstand habe ich, wenn ich mich klein und unscheinbar mache. Das ist nicht der Weg, denn das käme der Askese gleich. Nur sollte der Widerstand, den man bietet, richtig getimt sein. Was nützt es, wenn man sich aufplustert wie ein Gockel (Exzess) und beim nächsten Windstoß wäre man hinweggefegt! Und wenn ich den geringsten Widerstand leistete, so käme das doch der Todesstarre gleich. Nein, weder vom geringsten noch vom größtmöglichen Widerstand kann die Rede sein - nur: vom richtigen Timing.

Kaum hatte ich zu Ende gelesen, schlug ich demonstrativ die Mappe zu und richtete mich auf meinem Stuhl auf. Der Wolf starrte mich an, als wäre ich Rotkäppchen. Durch den Genuss der Großmutter schon reichlich gesättigt hatte er noch Appetit auf einen schmackhaften Nachtisch. Es konnte keine böse Überraschung mehr auf ihn zukommen. Trotzdem war er dadurch, das ich die Mappe so laut wie möglich zugeschlagen hatte, irritiert.

"Nun, sind Sie immer noch der gleichen Meinung?" Es sprach nichts dagegen. "Okay, ich bin froh, dass ich Ihnen diese kleine Abhandlung zu lesen gegeben habe. Ich habe Sie schon eine ganze Weile beobachtet und bin dabei zu dem Urteil gekommen, dass Sie ein ganz - wie sagt man - umgänglicher Mensch sind, der aufgrund seines Interesses für Literatur auch solchen Gedanken gegenüber, wie ich sie zu äußern mich wagte, empfänglich gibt. Wenn ich also nicht verrückt bin, wie ich denke, so frage ich mich, ob Sie nicht in gleicher Weise nicht verrückt sind. Entschuldigen Sie diesen Ausdruck: Verrückt! Aber nicht nur in der Umgangssprache nennt man seelisch bzw. psychisch Erkrankte verrückt; selbst wir Ärzte hier sprechen, wenn auch mit vorgehaltener Hand, von unseren Verrückten. Also: Bin ich nicht verrückt, sollten Sie es auch nicht sein. Anfangs nannte ich Sie wohl fehlgeleitet. Wenn Sie also nicht verrückt sind, sich aber trotzdem hier als Patient aufhalten, so hat das seine Ursache, die, um an meine schriftliche Darlegung anzuknüpfen, in der Wahl des falschen Timings begründet liegt. Ich darf das wohl so nennen.

Nun, meine Betrachtungen sind längst nicht abgeschlossen. Ich wies ja bereits auf das Unterthema Anzweiflung hin. Außerdem denke ich daran, das Ganze auch etwas mehr in die Breite zu streuen. Aber zu breit auch nicht, dann wird es platt. Das will ich auf jeden Fall vermeiden. Aber raten Sie mir doch! Sagen Sie, was Sie von dem Gedanken des richtigen Timings halten."

Ich dachte erst, dass er mich aussparen wolle. Nun musste ich also meinen Kommentar abgeben.

Ich begann vorsichtig: "Wie ich schon sagte, halte ich es für plausibel, vernünftig, was Sie da schreiben. Der Gedanke des Timings ist wirklich nachvollziehbar. Und wie Sie sagten, bin ich hier, weil ich es irgendwie falsch getimt hatte. Ich wollte zuviel. Es überkam mich, wie soll ich sagen: exzessiv würden Sie es nennen. Da darf ich mich über die Folgen nicht beklagen!"

"Sehen Sie! Sie begreifen schnell. Falsches Timing - und alles ist im Eimer!"

"Jawohl, Herr Doktor! Falsches Timing ...", wagte ich zu sagen und war damit auch schon am Ende. Aber diese Bestätigung seiner Gedanken reichte völlig aus. Mehr wollte er gar nicht von mir hören. Stattdessen griff er den Punkt mit der Anzweiflung wieder auf:

"Wir sollten lernen, öfter an uns zu zweifeln. Es muss nicht in Verzweiflung ausarten. Bei Gott, nur das nicht. Wir müssen nur begreifen, dass wir nicht fest im Sattel sitzen. Und das der Weg uneben ist. Haben wir das intus, dann finden wir geradezu automatisch zum richtigen Timing. Ja, das ist es eigentlich: Der Anzweiflung kann nur das richtige Timing folgen. Jetzt habe ich den Anknüpfungspunkt, der mir fehlte. Sie entschuldigen mich, bitte. Den Gedanken muss ich unbedingt notieren, damit er mir nicht verloren geht."

Er riss mir die Mappe aus der Hand, nahm einen Kugelschreiber aus der Griffelschale, um der Eingebung Herr zu werden. Er schrieb und schrieb, ich weiß nicht was. Urplötzlich fühlte ich mich hier fehl am Platze. Wie man sich doch manchmal täuschen kann, dachte ich nur noch, als ich mich leise aus dem Zimmer schlich. Falsches Timing war also Schuld daran, dass ich in diesem Haus zwangsweise festgehalten wurde.

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11

Was Albus Vulcano betrifft, stellte ich mir gleich die Frage, was der Grund seines Hierseins in diesem Irrenhaus sein könnte. Künstler werden meist für chaotisch, leicht bis stark irre, wenn nicht gar für völlig abgedreht gehalten. Bei Albus kam da auch noch die ausgeprägte Vulkanmanie hinzu, die sich überall zeigte. Als er seinen Job als Bäcker kündigte, um als Albus Vulcano die Welt zu erobern, kam er mit dem neuen Namen in diese Stadt. Am liebsten wäre er gleich wieder Richtung Island davon geflogen. Oder nach Sizilien an den Ätna. Selbst an einen besinnlichen Ort irgendwo in der Eifel, als ehemaliges, leider erloschenes Vulkangebiet, dachte er. Aber immer langsam, damit nichts kaputt geht. So zog er in die Eifelstraße, das musste es mindestens sein (da es keine Vulkanstraße, noch weniger eine Feuerbergstraße vor Ort gibt).

Wie gesagt, Künstler gelten als irre. Aber da Wahnsinn und Genie dicht beieinander liegen sollen, entscheidet man im Zweifelsfalle für den Angeklagten: also Genie!

Als Bäcker hatte Willi eine mehlweiße Weste-Bäckerjoppe. Als Künstler vermeint Albus, sein Temperament ungestüm und heißblütig präsentieren zu müssen – ähnlich seinen Vulkanen. Da er aber eigentlich ein eher schüchterner Charakter ist, kostet es ihm immer wieder einige Überwindung, seine Wüsteneien bühnenreif zu präsentieren. In Gesprächen dann gibt er sich eher zurückhaltend gesittet und zu verstehen, dass ihm allein durch die Kunst die Sublimierung, also das Verfeinern seiner dunklen Instinkte durch die klare Vergeistigung - so nennt er es -, gelungen sei. Er versteht es dabei geschickt, immer wieder eine verdeckt-schattige Seite seines scheinbaren Seins durchschimmern zu lassen. Alles bietet er quasi mit kultivierter Raffinesse dar. Albus Vulcano liebt das Spiel. Und er spielt das ganze Repertoire von Komiker bis Berserker mit allen ihm zur Verfügung stehenden theatralischen Mitteln herunter, um seine Mitmenschen zu blenden. Wurde es zeitweise leise um ihn, so fand er zur rechten Zeit das richtige Mittel, den rechten Weg, um wieder auf sich aufmerksam zu machen.

Bei aller Cleverness trotz aller Exzesse ist er aber doch hier gelandet. Deutete sein Publikum sein Genie zunehmend als Irrsinn? Nun, der Grund seines Hierseins liegt nicht etwa in seinem Künstlertum, sondern in einer abseitigen Neigung, um es einmal so zu nennen.

Vor Monaten wurde in verschiedenen hochherrschaftlichen Häusern unseres Ortes eingebrochen. Dabei wurde aber immer nichts gestohlen. Dafür hauste aber der Einbrecher, denn inzwischen weiß man, dass es lediglich eine Person war, die die Häuser heimsuchte, wie ein Wandale, indem er – es handelte sich um eine männliche Person, auch das weiß man heute - Lebensmittel aller Art auf dem guten Perser im Wohnzimmer ausschüttete, alles gut miteinander vermengte, um dann mit den im Hausflur gefundenen Hausschuhen des Hausherrn in dem Gemenge aus Speisefetten, Zucker, Mehl und vielem mehr herumzuwaten. Zuletzt stellte er die völlig verschmierten Schuhe zurück an ihren alten Platz. Viele der heimkehrenden Heimbesitzer schlüpften meist ungesehen in die im Dunkeln stehenden Latschen. Übrigens beschränkte sich der Wandalismus auf Wohnzimmer, Küche und Bad. Den Hausflur ließ der Täter wie unberührt. Bei elektronischen Geräten ging der Übeltäter sehr bedacht vor. Von dem zähen Brei, den er auf dem Wohnzimmerteppich angerührt hatte, nahm er kleine Mengen, um sie in die sich öffnenden Laufwerke von CD-Spielern, Videorekordern und –kameras oder Computern tröpfeln zu lassen. Äußerlich wirkten auch diese Geräte wie unbefleckt. Öffnete man sie aber, so quoll einem der matschige Kuchenbrei entgegen.

Es muss fast schon nicht erwähnt werden: Aber der Einbrecher war kein anderer als unser Albus Vulcano. Er fand ein geradezu mörderisches Vergnügen daran, die Häuser hochgestellter Persönlichkeiten, gegen die er eine Aversion hegte, auf diese Weise zu besuchen. Natürlich wusste er im Vorhinein, dass während seiner Stippvisite mit keiner Störung zu rechnen war, da alle Anwohner verreist waren und auch kein Hauspersonal sein Tun behindern würde.

Den leer geräumten Kühlschrank füllte er übrigens mit einem Teller randvoll gefüllt mit seinen Exkrementen. Das Badezimmer musste unter Schmiereien leiden, für die er das gleiche Werkmaterial benutzte.

Der eigentliche Clou aber kam erste Tage, gar Wochen später heraus, wenn man Filme aus der unversehrt gebliebenen Fotokamera zum Entwickeln brachte oder sich den mit der ebenso unbeschädigten Videokamera aufgenommenen Film anguckte. Da gab es Bilder von einem behaarten, also eindeutig männlichen, Hinterteil. Und in dem Anus steckten die Zahnbürsten der Hausbewohner.

Ich höre regelrecht das Würgen, das den Betrachter der Bilder in dem Bewusstsein überkommen musste, sich noch wochenlang danach die Zähne mit der auf dem Foto abgebildeten Zahnbürste geputzt zu haben.

Albus Vulcano würde wohl noch heute sein Unwesen treiben, wenn ihm nicht seine künstlerische Ader zum Verhängnis geworden wäre. Irgendwie versteht er noch heute sein Tun, das andere lediglich als Wandalismus definieren können, als eine Art Gesamtkunstwerk. Und dem Künstler ist zu eigen, sein Kunstwerk zu signieren.

"Natürlich war es bodenlose Dummheit, meine Initialen an den Fliesen des Badezimmers zu hinterlassen. Aber immer, wenn man einmal etwas anders macht als zuvor, dann hat das seinen Grund", meinte Albus-Willi. "Ich denke, ich wollte entdeckt werden!" Und so befindet er sich nun wie ich in der geschlossenen Abteilung, um sich auf seinen Geisteszustand untersuchen zu lassen. Angesichts des Schadens, den er angerichtet haben soll, wäre es fast besser, man bestritte sein Genie zugunsten allgemeinen Irreseins.

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12

Ich muss meinen "anderen" Herrn Doktor, den mit seinem Timing, Gerechtigkeit zukommen lassen: Noch am gleichen Tag sprach er mich an und entschuldigte sich dafür, dass er mich "so einfach hat sitzen lassen".

"Aber plötzlich hatte ich die Verbindung meiner beiden Gedanken, nämlich den des Timings und den der Anzweiflung. Lange hatte ich schon überlegt, wie ich beides miteinander verknüpfen könnte. Denn das beides zusammengehört, davon war ich ausgegangen. Dank des Gesprächs mit Ihnen ist es mir jetzt geglückt. Wenn Sie möchten, dann können Sie es gern nachlesen."

Und da ich nicht nein sagen konnte und es mich auch aufrichtig interessierte, was er da geschrieben hatte, bekundete ich meine entsprechende Wissbegierde.

"Wir sollten überhaupt öfter miteinander reden. Ich denke, solche offenen Gespräche befruchten uns gegenseitig. Nehmen Sie das nicht zu wörtlich; sie wissen schon wie ich es meine." Und so gab er mir die Ergänzung zu seinem Timing-Manuskript.

Ein anderer Gedanke soll eingeführt sein, der Gedanke der Anzweiflung. Wir sollten lernen, uns öfter anzuzweifeln. Es muss nicht in Verzweiflung ausarten. Nur das nicht, denn es wäre der Exzess im negativen Sinne. Wir müssen nur begreifen, dass wir nicht fest im Sattel sitzen. Und das der Weg uneben ist. Haben wir das begriffen, dann finden wir geradezu automatisch zum richtigen Timing. Eben durch die Anzweiflung wird der Weg frei.

Das sind die Schritte:

- Wir stellen uns selbst in Frage (Anzweiflung)
- Wir finden das richtige Timing durch erlangtes Wissen
- Wir finden den richtigen Weg (“Der Weg ist das Ziel”)
- Wir erreichen ein erhöhtes Lebensgefühl in Ruhe, Ausdauer und Frieden

AUF DEM UNEBENEN WEG MIT RICHTIGEM TIMING IST DAS ZIEL
DER INNERE FRIEDEN!

Der innere Frieden, das Mit-sich-selbst-Übereinstimmen, die Ruhe - es klingt nach Ende, Ziel, Punkt-um. Aber in Sinne des Vorhergehenden kann es jetzt nur noch als ein Fluss aufgefasst werden. Nichts ist mehr starr, nichts ist mehr fest oder gar leblos. Und da es nicht starr ist, ist es auch nicht dogmatisch. Keine Doktrin. Kein Fanatismus. Deshalb ist es schon zuviel, von einer Lehre des richtigen TEA zu sprechen. Daher auch keine Apologetik, da es nichts zu rechtfertigen oder zu verteidigen gibt. Eher ist es ein Naturgesetz wie das Fließen des Flusses Naturgesetz ist.

Das war es also. Als ich es gelesen hatte, gab ich das Manuskript zurück. Er fragte erst gar nicht, wie ich es fände. Er nahm wohl an, dass ich es genauso gutheiße wie das bereits Verfasste. Er nahm die Mappe und machte sich auf den Weg, drehte sich noch einmal um, nickte mit dem Kopf, ein Lächeln im Gesicht und verschwand.

Da mein Herr Doktor zum nächsten therapeutischen Gespräch wieder halbwegs gesundet war, sprach ich mit dem anderen kein weiteres Wort mehr. Somit musste ich auch nicht weiter auf sein Angebot der gegenseitigen Befruchtung eingehen.

Durch Zufall entdeckte ich Tage später den Timing-Text zusammengeknüllt in einem Papierkorb des Aufenthaltraumes des Pflegepersonals.

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  Ian Anderson (Jethro Tull): In the Pay of Spain
[Hintergrundmusik: 'In the Pay of Spain' von Ian Anderson (Jethro Tull) von der CD: "Divinities - Twelve Dances with God" - 1995]
  Tass' Kaff' mit WilliZ Weblog

Stand: 31.01.2001